Liedandacht zu EM 661

Was ich derzeit in meinen vier Wänden vermisse, das sind die Frühlingsboten: Primeln, Tulpen, Forsythien, blühende Bäume und Sträucher und der entsprechende Duft dazu, singende Amseln und vielleicht ein Schmetterling, der vorbeiflattert. Und was Dietrich Bonhoeffer während seiner Zeit im Gefängnis im Gedicht „Wer bin ich?“ ausgedrückt hat, kann ich nun gut nachvollziehen:

„… Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
 ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
 dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe. …“

Das Lied „Aus der Zwiebel wird die Blume“ singe ich gerne, wenn der Winter nicht zu Ende gehen will; wenn die Sehnsucht nach dem Frühling und dem erwachenden Leben groß wird; wenn der Blick in die (nähere) Zukunft getrübt und die Seele belastet ist. Die in diesem Lied entfalteten Bilder geben der Hoffnung Nahrung. Sie öffnen den Blick für das, was schon da ist, aber was wir noch nicht sehen können: Aus einer Zwiebel wachsen Blumen, aus einem Samenkorn sogar ein ganzer Baum. Raupen verpuppen sich und es werden Schmetterlinge daraus. Diese Bilder sind mit ein Grund, dass Kinder dieses Lied gerne singen. Bei einer mir befreundeten Kirchenmusikerin nannten es die Kinder das Lied von der Zwiebel. Es lässt sich gut darstellen, z.B. auch in Gebärdensprache: 

Hymn of Promise. Minnesota Boychoir. Gebärdensprache ab ca. 1:50

Das Lied hat seinen Ausgang von der dritten Strophe genommen. Die Autorin Natalie Sleeth erzählt, dass im Gespräch mit einem Freund eine Zeile aus einem Werk des Schriftstellers T.S. Eliot aufgetaucht ist: „In our end is our beginning.“ Unser Ende ist ein Anfang. Damit wird unsere Sicht auf die Dinge umgewendet. Die in dieser Strophe angesprochene Auferstehung bewirkt, dass wird die Dinge des Lebens in umgekehrter Richtung betrachten können: Wo der Tod dem Leben ein Ende setzt, wird mit der Auferstehung aus diesem Ende ein neuer Anfang, der Anfang einer endgültigen Lebendigkeit. Wo der Tod uns mit unserer Endlichkeit konfrontiert, sagt uns die Auferstehung: Suche nach dem Leben, das eine andere Qualität hat, suche nach dem ewigen Glauben. Wo wir meinen, dass Zweifel Glaubensferne bewirkt, erkennen wir, dass wer sich durch den Zweifel hindurchzweifelt, noch näher bei Gott ist. Wo wir nur Staub und Verfall sehen, sagt uns die Auferstehung: Hier findest du Unsterblichkeit, weil Gott weder seinen Sohn noch dich dem Tod überlässt.

Mit einem umgekehrten Blick auf das, was wir derzeit erleben, wird unsere Hoffnung gestärkt. Nehmen wir einmal an: Ein ganzes Jahr ist vergangen. Was hat sich seit der Coronakrise verändert? Wie leben wir unser Leben jetzt? Welche Erkenntnisse haben wir gewonnen und welche Schlüsse daraus gezogen?

Typische Frauenberufe wie die der Pflege und der Kassiererin im Supermarkt werden mehr wertgeschätzt und besser bezahlt. Eltern sind dankbar für das, was Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Kindern erarbeiten. Manager und Politikerinnen haben gelernt mit Video-Konferenzen umzugehen. Sie müssen nicht mehr zu jedem Meeting fliegen. Überhaupt ist die Lebensqualität gestiegen, weil der Luftraum und die Meere nicht mehr so stark befahren und damit weniger belastet wer- den. Auch manche Güter und Lebensmittel werden zur Veredelung nicht mehr um die halbe Welt geschickt, weil wir entdeckt haben wie wichtig die Produktion vor Ort ist. Mehr Gedanken zu dieser Umkehrung hat sich der Zukunftsforscher Matthias Horx gemacht: Zum Artikel von Horx Ich finde diesen Artikel lesens- und bedenkenswert.

„Unser Ende ist ein Anfang“ sagt das Lied. So wird das Ende zum Gewinn. Allerdings wissen wir noch nicht, wie das Dazwischen aussieht. Hier gilt es Gott zu vertrauen. Er kennt den Sinn.

YouTube-Video zum Anhören mit englischem Text
YouTube-Video zum Mitsingen mit Orgel 

Eine Improvisation zum Meditieren
Ein Schmankerl

Pastorin Esther Handschin