Liedandacht zu EM 99 und 100

Am 9. April gedenken wir des 75. Jahrestages der Hinrichtung von Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), der im Alter von 39 Jahren im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde. Der evangelische Pastor und Theologe hat mit seinem Gedicht „Von guten Mächten“ einen der wirkmächtigsten geistlichen Texte des 20. Jahrhunderts geschaffen. Knapp zwei Jahre vor seiner Hinrichtung, am 5. April 1943 wurde er verhaftet, daran erinnert auch Bischof Michael Chalupka: https://evang.at/widerstandskraft/ 

Das Gedicht „Von guten Mächten“ legte Bonhoeffer dem Brief vom 19. Dezember 1944 an seine Verlobte Maria von Wedemeyer bei. Es war der letzte Brief an sie und es war der letzte Brief, in dem er sich auch theologisch äußerte. Am 8. Oktober 1944 wurde Bonhoeffer vom Tegeler Gefängnis ins Kellergefängnis des Reichssicherhauptamtes in der Prinz-Albrecht-Straße verlegt. Am neuen Ort herrschten verschärfte Haftbedingungen. War es in Tegel möglich geworden, durch Beziehungen zum Wachpersonal Briefe an der Zensur vorbei zu schmuggeln, um sie seinem Freund Eberhard Bethge zukommen zu lassen, so mussten die wenigen Briefe aus der Prinz-Albrecht-Straße durch die Zensur. Der Brief ging an Maria und von ihr zu den Eltern, den Geschwistern und weiteren Verwandten. Die Zeilen waren als Weihnachtsgruß gedacht, aber auch im Wissen darum, dass Bonhoeffers Mutter Paula am 30. Dezember im Kreis der Familie ihren Geburtstag feiern würde.

Es ist ein intimer Empfängerkreis, der im Gedicht angesprochen wird. Auf der einen Seite ist das „Ich“ – Bonhoeffer im Gefängnis. Auf der anderen Seite das „Ihr“ – seine Verlobte, die Eltern und Geschwister, Schwägerinnen und Schwager, auch der Freund Bethge, der in die Familie eingeheiratet hatte. Sie bilden ein „Wir“, dem „der Herr“, das „Du“ gegenüber steht. Das „Wir“ lebt in der Ungewissheit des Wiedersehens. Alles in allem sind „Ich“ und „Ihr“, also das „Wir“ von den guten Mächten umgeben, behütet, getröstet und geborgen. Die guten Mächte bilden den tröstenden Rahmen der ersten und der letzten Strophe, wo dazwischen, besonders aber in der 2. und 3. Strophe auch das Schwere angesprochen wird: die Last böser Tage, die aufgeschreckten Seelen, der schwere Kelch des Leids.

Leid und Trost, Lebensfreude in der Abgeschiedenheit, Kerzen in der Dunkelheit: Die Stimmungslagen im Lied wechseln. Das ist eine der Schwierigkeiten, eine passende Melodie zu diesem Text zu schaffen. Über 50 Mal wurde es versucht. Die andere Schwierigkeit liegt darin, dass ein für die Intimität einer Familie entstandener Text mit der Übernahme in die Gesangbücher, bei Konzertauftritten und der Verbreitung im Internet in eine große Öffentlichkeit tritt. Welche Menschen brauchen solche Worte? Wie verändert sich dadurch der Text?

Das Gedicht Bonhoeffers zirkulierte zunächst in einer maschinengeschriebenen Abschrift innerhalb der Familie Bonhoeffer. Später, in den 1950er Jahren tauchte die letzte Strophe in evangelischen Jugendgruppen der Jungen Gemeinde auf und wurde gerne zum Abschluss eines Treffens als Segen gebetet. Der Kirchenmusiker Theophil Rothenberg (1912-2004) forderte seinen Kollegen Otto Abel (1905-1977) auf, dazu eine Melodie und einen Singsatz zu schaffen. Aufgrund der Kürze dieser einen Strophe wiederholte er die letzten beiden Zeilen, wie in dieser Fassung: Auf Youtube anhören

Melodie und Satz dieser Fassung finden sich mit allen sieben Strophen im methodistischen Gesangbuch unter der Nummer 100.

1970 schuf der von Bonhoeffers Text beeindruckte 24-jährige Siegfried Fietz eine Melodie, die weit herum Verbreitung fand. Er nahm eine markante Veränderung vor, indem er die letzte Strophe zum Kehrvers machte, sodass die Stimmung der Geborgenheit regelmäßig wiederkehrt. Das führt zu mehr Vertrautheit, verändert aber den Duktus des Liedes erheblich. Das Sich Durchringen durch das Leid (Str. 2) und das Annehmen des Leids aus Gottes Hand (Str. 3) bis zum Wiederfinden der Freude (Str. 4) und dem Sich Gewiss machen von Gottes Licht (Str. 5) wird laufend unterbrochen. Außerdem wird dadurch das Lied um einiges länger, weswegen bei vielen Aufnahmen meist einige Strophen weggelassen werden, vorzugsweise die dritte und vierte Strophe: Auf Youtube anhören

oder vor großem Publikum im Wiener Stephansdom: Auf Youtube anhören

Auch für das methodistische Gesangbuch, Nr. 99 wurden zur Melodie Fietz die erste, die fünfte und die sechste Strophe ausgewählt.

Fietz übernahm die ihm 1970 vorliegende Textgestalt. Erst 1988 wurde erstmals der Autograph des Briefes zugänglich, elf Jahre nachdem Maria von Wedemeyer verstorben war. Es zeigten sich zwei markante Unterschiede. In der zweiten Strophe ist ursprünglich von „aufgeschreckten“  und nicht von „aufgescheuchten Seelen“ die Rede, für die das Heil „geschaffen ist“ und nicht „die zum Heil bereitet“ sind. Die andere Abweichung liegt in der letzten Strophe, die in der Fassung von Fietz zum Refrain geworden ist: statt „Gott ist mit uns am Abend und am Morgen“, hieß es ursprünglich „Gott ist bei uns am Abend und am Morgen“. Dass nun sechs Mal ein „Gott mit uns“ erklingt, das zur Kriegsrhetorik des Ersten Weltkriegs gehörte, dürfte nicht im Sinne Bonhoeffers sein, dessen zweitältester Bruder Walter ein Opfer des Ersten Weltkriegs war.

Eine der großen Schwierigkeiten, wenn man das Lied nach der Melodie von Siegfried Fietz singt, sind Rhythmus und Tempo gut zu treffen. Gelingt es bei einer Begleitung mit Gitarre nicht, den 6/8-Takt adäquat zu spielen, so wird bei manchen Schlagtechniken ein 4/4-Takt daraus und der leichte Walzer wird zum militärisch geprägten Marsch. Das schlägt sich mit der Entstehungssituation des Textes. Auch eine gekonnt musizierte Version für Militärmusik wirkt von der Ursprungssituation des Textes her befremdend: Auf Youtube anhören

Wird das Tempo zu schnell gewählt, so wird der Charakter der Melodie zu leichtfüßig, sodass selbst bei einem Arrangement in Moll die Ernsthaftigkeit des Textes verloren geht, wie in diesem Beispiel: Auf Youtube anhören

Überzeugt von den neueren Versuchen hat mich „Glashaus“: der wiegende Takt der Fietz-Version wird aufgenommen und musikalisch als Ballade gestaltet. Die Strophen folgen dem Gedicht Bonhoeffers in der ursprünglichen Abfolge und mit dem Text des Autographen: Auf Youtube anhören

Pastorin Esther Handschin

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