Liedandacht zu EM 237

Manche Lieder beeindrucken oder berühren einen durch Worte. Andere haben einen mitreißenden Rhythmus, der anregt und einem zum Schwingen bringt. Dann gibt es wiederum Lieder, die durch ihre Melodie etwas vom Jubel und der Freude zum Ausdruck bringen, die man Gott entgegenbringen möchte. 

Das Lied „Der schöne Ostertag“ begeistert mich durch die Melodie. Sie durchschreitet gleich mit den ersten Tönen eine ganze Oktave nach oben, um dann nach einiger Bewegung in einem Bogen (in der Fachsprache „Melisma“) den Grundton zu erreichen. Nach der Wiederholung dieses ersten Teils folgt ein weiterer Teil, wo die Tonschritte klein sind, sich aber kaum auf demselben Ton wiederholen. Das lädt dazu ein, auf der Textebene des Liedes etwas zu bedenken oder zu erwägen. Im letzten Teil steigt die Melodie in einer sich wiederholenden Tonfolge nach oben, um den höchsten Ton zu erreichen und dann in einem langen Melisma wieder den Grundton zu erreichen.

Hier eine Aufnahme der Melodie mit Orgel und Bläsern aus der Altreformierten Gemeinde Nordhorn:

Diese Melodie taucht erstmals in einem Gesangbuch von 1624 auf, das Dirk Raphaelszoon Camphuysen (1586-1627) in den Niederlanden herausgegeben hat. Von wem die Melodie stammt, wissen wir nicht. Aber sie ist zu einer Zeit entstanden, wo Melodien noch eigenständig und ohne harmonischen Unterbau gesungen wurden. Der ursprüngliche Text besang die Größe von Gottes Liebe („De Liefde voortgebragt“). Im Jahr 1684 erschien die Melodie mit einem Text von Strophen von Joachim Frants Oudaan (1628-1692) in einem Anhang zu einem mennonitischen Psalmenbuch. Es ist eines der Lieder zu den christlichen Hauptfesten und der Text nimmt Bezug zum Ostergeschehen („Hoe groot de vrugten zijn“). Damit erklingt erstmals das „erstanden“, resp. „verreezen“ am Schluss des Liedes. In seiner ersten Zeile erzählt der niederländische Text vom Ergebnis, d.h. von den „Früchten“ der Auferstehung, was der Melodie ihren Namen gab („VRUECHTEN“). 

Das wurde beim nächsten Schritt der Liedgeschichte wichtig. Denn die Melodie wanderte – auf welchem Weg auch immer, vielleicht über eine niederländische Flüchtlingsgemeinde in London – nach England. Im englischsprachigen Raum hat jede Melodie einen eigenen Namen (Tune-name), der in der Regel mit Großbuchstaben angegeben wird. Sowohl im Herkunftsland als auch in der neuen Heimat gerieten das Lied und seine Melodie in Vergessenheit, bis es vom anglikanischen Priester George Ratcliffe Woodward (1848-1934) wiederentdeckt wurde. Er schrieb 1894 einen neuen, österlichen Text („This joyful Eastertide“) von drei Strophen, wobei die Strophen verkürzt sind und der Refrain schon nach dem ersten, wiederholten Teil beginnt. Sein Freund Charles Wood (1866-1926) schrieb einen vierstimmigen Chorsatz dazu, der sich im englischen Sprachraum großer Beliebtheit bei Chören erfreut.

Hier das Lied von Woodward/Wood, gesungen vom renommierten King’s Choir Cambridge: https://www.youtube.com/watch?v=rsPilOf70Cw

Dazu Noten und Text, noch etwas höher gesungen: https://www.youtube.com/watch?v=ORSYRgu6Z7g

Und dieser junge Mann scheint den Chorsatz besonders zu lieben. Er singt gleich alle vier Stimmen selbst: https://www.youtube.com/watch?v=AMOk-C_UQi0

Da Woodwards Liedtext eine etwas ältere Sprache verwendet, hat der methodistische Pastor und Liederdichter Fred Pratt Green (1908-2000) 1971 eine überarbeitete Version geschaffen, allerdings mit derselben Anfangszeile, was oft Verwirrung gestiftet hat. Greens Fassung ist im Gesangbuch der Britischen Methodistenkirche Singing the Faith zu finden (#314). Nachdem Green bei einer Tagung 1981 den ursprünglichen niederländischen Text kennengelernt hatte, überarbeitete er seine Version noch einmal in „How rich at eastertide“: https://www.hopepublishing.com/find-hymns-hw/hw3155.aspx 

Warum eine so lange Vorgeschichte? Jürgen Henkys (1929-2015), der eine deutschsprachige Übersetzung des Liedes geschaffen hat, bezieht sich sowohl auf die Liedtexte von Oudaan, von Woodward als auch von Green. Er kürzt die sechs Strophen von Oudaan auf drei, nimmt die Bilder vom Grab als Gefängnis (Str. 1) und vom Todesfluss, den es zu durchschreiten gilt (Str. 3), von Woodward auf und reichert diese Fassung wiederum mit Anklängen aus 1. Korinther 15,12-20 an, auf die auch Green in seinem Lied „How rich at eastertide“ Bezug nimmt.

Paulus argumentiert im 15. Kapitel des Korintherbriefs, dem Auferstehungskapitel, mehrfach auf dieselbe Weise und verbindet damit die Auferstehung Christi mit der allgemeinen Auferstehung der Toten: „Wenn die Toten nicht auferstehen, dann ist Christus auch nicht auferstanden.“ (V13) „Wenn aber Christus nicht auferstanden ist, dann ist unsere Predigt vergeblich/umsonst.“ (V14) Diese Argumentationsstruktur nimmt Henkys jeweils im Mittelteil jeder Strophe auf (sehr gut passend zum sinnierenden Verlauf der Melodie):

„Wär vor dem Gefängnis noch der schwere Stein vorhanden, so glaubten wir umsonst.“ (Str. 1) „Läg er [Jesus] noch immer, wo die Frauen ihn nicht fanden, so kämpften wir umsonst.“ (Str. 2) „Wär er geblieben, wo des Todes Wellen branden, so hofften wir umsonst.“ (Str. 3)

Mit dem dreimaligen „umsonst“ verdeutlicht Henkys das bei Woodward schon zum Refrain gehörende „Our faith had been in vain“. Aber er nutzt die Möglichkeit zur Variation: „so glaubten wir umsonst“ (Str. 1), „so kämpften wir umsonst“ (Str. 2), „so hofften wir umsonst“ (Str. 3) und nimmt damit einige Formulierungen von Green auf: „live by faith“ (Str. 1), „had vainly striven“ (Str. 2), „the hope we have“ (Str. 3). Diese Trias von glauben – kämpfen – hoffen erinnert stark an „Glaube, Liebe und Hoffnung“ aus 1. Korinther 13,13. Und tatsächlich, in Str. 2 ist im ersten Teil der Strophe von der Liebe die Rede: „Was euch auch niederwirft, … er, den ihr lieben dürft, trug euer Kreuz ins Leben.“ https://www.youtube.com/watch?v=nBKy-BDpYgM

Das Lied spricht in Zeiten von Corona für mich am meisten durch seine starken Bilder und den jubelnden und Hoffnung bringenden Refrain. In der ersten Strophe wird das Grab Jesu mit einem Gefängnis verglichen. Am Ostertag aber hat Christus dieses Gefängnis verlassen. Wie wird es sein, wenn wir nach den Zeiten der Ausgangsbeschänkungen unsere Häuser und Wohnungen verlassen, um „ins Helle zu treten“? Christi Auferstehung kann dazu unsere Hoffnung auf ein Ende des Gefängnisses in den eigenen vier Wänden stärken.

Die zweite Strophe spricht verschiedene Leiden an: „Schuld, Krankheit, Flut und Beben“. Sie sind unterschiedlich geartet, aber sie führen alle dazu, dass es uns niederwirft und dass wir niedergeschlagen sind. Doch was uns Leiden bringt, das dürfen wir getrost zu Christus tragen und ihm anvertrauen. Durch seine Auferstehung sind solchen, uns entgegenstehenden, Mächten ein Ende gesetzt.

In der letzten Strophe geht es um mich: „Muss ich von hier nach dort“. Damit wird mein eigener Tod angesprochen. Mit dem Bild des Flusses wird das „dort“ zum anderen Ufer, von dem bisher noch keiner zurückgekehrt ist – außer dem Einen, Christus. Er hat den Fluss des Todes (so schon die englische Fassung von Woodward) durchschritten. Er hat denselben Tod erlitten wie wir. Aber er ist nicht im Tod geblieben. Darum haben wir eine Hoffnung. 

In dieser letzten Strophe gibt es noch eine weitere, nicht direkt ausgesprochene Verbindung, zu einem anderen Text von Paulus: Römer 6,1-11. Der Fluss, den es zu durchschreiten gilt, kann auch typologisch als „Jordan“ verstanden werden. Es ist der Fluss, in dem Jesus getauft wurde. In Römer 6 legt Paulus dar, dass wir in den Tod von Jesus Christus getauft sind. Deshalb ist die Osternacht oder das Osterfest der Tauftermin seit der Zeit der Alten Kirche. Das bisherige Leben der Täuflinge, der alte Mensch, stirbt in dieser Nacht. Er wird im Wasser der Taufe ertränkt. Aber der neue Mensch steht in Jesus Christus durch die Taufe neu auf. Die Taufe ist es, durch die wir in Christus Jesus mit Gott verbunden sind und durch die wir zu ihm gehören, auch über den Tod hinaus.

Zum Schluss zwei Chorfassungen, die dem Lied noch einmal einen neuen Hintergrund geben.

Die deutsche Fassung singt eine kleine Chorgruppe der Evangelischen Pfarrgemeinde Honigberg in der Kirche der Kirchenburg von Harman/Rumänien. Die lutherischen Gemeinden in Siebenbürgen sind durch die Auswanderung der letzten Jahrzehnte am Rand ihrer Existenz und dennoch singen sie von der österlichen Freude: https://www.youtube.com/watch?v=D2EIjSs5TnQ

Bei der englischen Fassung – vermutlich aus Kamerun – ist das Tempo sehr frei gewählt, aber faszinierend, auf welche Worte hin jeweils beschleunigt wird: https://www.youtube.com/watch?v=0Afq8afBGnM 

Pastorin Esther Handschin

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