Liedandacht zu EM 618

Dieses Lied ist wohl bekannter unter seinem englischen Titel „Morning has broken“ als unter der Übersetzung, die im methodistischen Gesangbuch steht („Tageserwachen“) oder der im evangelischen Gesangbuch („Morgenlicht leuchtet“). Viele Menschen meiner Generation und etwas älter haben das Lied über die Charts der 70er Jahre kennengelernt, in der Fassung von Cat Stevens und sich dabei gewundert, was ein Lied aus der Popularmusik im Gesangbuch zu suchen hat.

Wer es lieber bunt mag, findet hier dieselbe musikalische Fassung mit anderen Bildern unterlegt:

Der Singer-Songwriter der 60er- und 70er-Jahre, Cat Stevens (*1948 als Steven Demetre Georgiu, nach einer Konversion zum Islam Ende 1977 als Yusuf Islam), nahm dieses Lied 1971 für sein fünftes Studio-Album „Teaser and the Firecat“ auf. Es war der einzige Song, den er nicht selbst geschrieben hatte, der aber zum größten Hit dieses Albums geworden ist. Ein besonderes Merkmal der Version sind die perlenden Vor- und Zwischenspiele für Klavier, die Rick Wakeman (*1949) von der Band „Yes“ geschrieben und ihm zur Verfügung gestellt hatte. 

Für alle, die diese Fassung selbst am Klavier üben möchten, hier die Noten dazu:

Woher kommt dieser Song ursprünglich?

Das Lied in seiner jetzigen Fassung hat seinen Ausgang – eher ungewöhnlich – von der Melodie her genommen. Sie kann auf ein gälisches Volkslied zurückgeführt werden, dessen erste schriftliche Quelle 1888 in einer Sammlung namens „Songs and hymns of the Gael“ belegt ist. Der Text dazu lautet: „Leanabh an àigh“, was in der keltischen Sprache soviel bedeutet wie „Kind der Freude“. Es handelt sich dabei um ein weihnachtliches Loblied, das den Lebensweg des Kindes in der Krippe beschreibt bis hin zum Tod am Kreuz und zur Auferstehung. Auf Englisch übersetzt hat das Lied „Child in a Manger“ ein gewisser Lachlan MacBean (1853-1931), der Sammler und Herausgeber der „Songs and hymns of the Gael“. Denn die ursprüngliche Autorin, Mary MacDonald (1789-1872), eine Baptistin, beherrschte Zeit ihres Lebens nur Gälisch. Sie wurde in Ardtun auf der Insel Mull geboren, die zu den Hebriden westlich von Schottland gehört. Die Melodie trägt den Namen nach dem Nachbarort BUNESSAN, einem 300-Seelen-Nest am südwestlichen Zipfel der Insel.

Mit dem uns bekannten Text „Morning has broken“ von Eleanor Farjeon (1881-1965) wird die Melodie dann in „Songs of Praise“ von 1931 verbunden. Die drei Herausgeber, Percy Dearmer (1867-1936) für den Text und Ralph Vaughan Williams (1872-1958) und Martin Shaw (1875-1958) für die Musik, hatten schon bei der ersten Auflage dieses Liederbuches im Jahr 1925 im Sinn, darin Lieder zu sammeln und herauszugeben, „that should be national in character“. Und zwar „in the sense of including a full expression of that faith which is in common to the English-speaking peoples to-day, both in the British Commonwealth and in the United States“ (aus dem Vorwort der ersten Auflage von 1925). Es sollte also ein breite Auswahl an Liedern sein, die die englischsprachige Welt an Kirchenliedern gut repräsentierte.

Um dem „Nationalcharakter“ gerecht zu werden, wurden explizit Melodien aus den verschiedenen Teilen des damaligen United Kingdom gesucht und aufgenommen. So gibt es nebst englischen Volksliedweisen auch irische, schottische, walisische Melodien und wie im Fall von BUNESSAN eine gälische Melodie. Weiters sind alte Kirchenliedmelodien deutscher und anderer Herkunft vertreten und Melodien aus dem Genfer Psalter, der über lange Zeit den englischen Kirchengesang geprägt hat. Schließlich sind auch Melodien englischer Komponisten wie Orlando Gibbons (1583-1625), William Croft (1678-1727), Georg Friedrich Händel (1685-1759) oder Gustav Holst (1874-1934) aufgeführt.

Die einzige gälische Melodie ist BUNESSAN. Mit dem sehr kurzen daktylischen Versmaß (schwer – leicht – leicht) von wenigen Silben pro Zeile (5.5.5.4.5.5.5.4) stand außer dem schon vorhandenen weihnachtlichen Wiegenlied kein anderer Text zur Verfügung. So schreibt Percy Dearmer in seinem Kommentarband „Songs of praise discussed“ von 1933, dass sie als Herausgeber der Autorin von Kinderbüchern Eleanor Farjoen den Auftrag zu einem Danklied für jeden neuen Tag gaben. Tatsächlich greift sie damit einen Themenkreis auf, der unter den Morgenliedern wenig vertreten ist. Meist geht es dabei um das Aufwachen und Aufstehen zu einem neuen Tag, der unter Gottes Leitung gestellt wird oder wo auf Gottes Güte und Gnade verwiesen wird, die jeden Tag neu ist. Oft spielt dabei auch das Licht, das wir in Jesus Christus erkennen, eine Rolle. Selten wird jedoch an die Schöpfung und ihr Erwachen am neuen Tag erinnert.

Mit den drei Strophen von „Morning has broken“ verknüpft die Autorin mehrere Themen und Bilder im Bereich von „Morgen“, „Schöpfung“, „Anfang“ und „Dank“. In Strophe 1 wird der Anbruch des Tages verglichen mit dem ersten Morgen der Schöpfung. Das Lied der Amsel am frühen Morgen gleicht dem ersten Wort, das Gott am Anfang jedes neuen Schöpfungstages gesprochen hat, um ein neues seiner Werke ins Dasein zu rufen. Die zweite Hälfte dieser Strophe ist dem Lob gewidmet: dem Lob über den Gesang der Vögel, der Freude über den anbrechenden Morgen und allem, was neu beginnt und von Gott (erneut) ins Leben gerufen wird.

Die zweite Strophe beschreibt Regen und Tau. Sie fallen vom Himmel auf das Gras, so wie zu Beginn der Schöpfungsgeschichte nach 1. Mose 2,6, wo die trockene Erde erst etwas wachsen lassen kann als ein Nebel das Land befeuchtet und göttlicher Regen fällt. Dabei wird im englischen Text ein Transzendenzbezug hergestellt, der bei jeder Übersetzung ins Deutsche verloren gehen muss: Der Regen fällt nicht vom (natürlichen) Sky-Himmel, sondern vom (göttlichen) Heaven-Himmel. Auch darüber muss einem das Lob aufgehen, weil Gottes Spuren in ihrer Vollkommenheit in diesem irdischen Leben sichtbar werden. Noch wird Gott nicht genannt, aber der fruchtbare Garten und Gott, der darin spazieren geht (1. Mose 3,8), öffnen den Blick zum biblischen Garten Eden.

In der ersten Strophenhälfte der ersten beiden Strophen tritt die Formulierung „like the first“ mehrfach auf. Jeder neue Tag gleicht der dem neuen Anfang der Schöpfung. Jede Vogelstimme erinnert an den ersten Klang. Jeder frische Tau erzählt vom Garten Eden. In der zweiten Strophenhälfte aller drei Strophen dominiert wiederum das Lob: sechs der acht Halbzeilen beginnen mit „praise“. Gilt es in den ersten beiden Strophen jeweils etwas zu loben, nämlich den Gesang oder den Morgen oder die Süße des Gartens, so wird in der letzten Strophe dieses „praise“ zur Selbstaufforderung zum Lob Gottes, wie es in Psalm 103 heißt: „Lobe den Herrn, meine Seele!“

Der Beginn der dritten Strophe drückt das Gefühl aus, das sich oft an einem frischen Morgen einstellt, wenn man – von der Sonne beschienen – tief einatmet: „Mir gehört die Welt.“ Und dieser neue, frische Morgen soll einen an den Anfang der Schöpfung erinnern als der Garten Eden aus Gottes Licht geboren wurde. Darum ist jeder neue Tag ein Stück von Gottes Schöpfungshandeln, das stets voranschreitet, und uns gleichzeitig geschenkt ist zur Erholung (re-creation).

Der starke Bezug dieses Morgenliedes zur Schöpfung unter Verzicht auf jede christusbezogene Deutung, z.B. des Lichts, mag daran liegen, dass Eleanor Farjeon über ihren Vater jüdischer Herkunft war. Während ihre Großeltern väterlicherseits noch strenggläubig waren und nach orthodoxer Weise lebten, gestaltete ihr Vater Benjamin Farjeon (1838-1908) sein Leben eher säkular. Er machte zunächst in australischen Goldminen sein Geld, dann  war er als Journalist und Geschichtenschreiber im Stil von Charles Dickens tätig. Er heiratete die Tochter eines amerikanischen Schauspielers und bekam mit ihr vier Kinder. Der älteste Sohn Harry wurde Komponist, zwei weitere Brüder und Eleanor waren schriftstellerisch tätig. Sie schrieb ein Operettenlibretto, das ihr Bruder vertonte, Jugendtheaterstücke, Kinderbücher und erhielt als erste Ausgezeichnete 1956 die Hans-Christian-Andersen-Medaille für Jugendliteratur. Mit 70 Jahren konvertierte sie zum katholischen Glauben.

Es ist nicht einfach, einen so dicht gewobenen poetischen Text in die deutsche Sprache zu übersetzen. Meist geht dabei die Hälfte der Bilder oder Formulierungen verloren. Die ins methodistische Gesangbuch aufgenommene Übertragung des Berliner Pastors Joachim Georg (*1954) wurde dem Gesangbuchausschuss unaufgefordert zugesandt. Die über verschiedene Bezüge des englischen Texts hergestellte Beziehung zur Schöpfungsgeschichte aus 1. Mose 1 und 2 über Formulierungen wie „like the first“ oder „the Word“ und über die Bilder vom durch Regen und Tau befeuchteten Garten stellt er über die drei Strophen jeweils mit dem Schlusswort her: Schöpfungschor – Schöpfungslicht – Schöpfergeist. 

Georg gibt den Reim am Ende jeder langen Verszeile auf und fügt stattdessen einen Binnenreim ein, sodass sich jeweils die erste auf die zweite Halbzeile reimt: „Tageserwachen“ auf „Amsellachen“, „Singen“ auf „klingen“ in der ersten Strophe, „zeigen“ auf „Zweigen“ und „Blüte“ auf „Güte“ in der zweiten Strophe sowie „durchdringt mich“ und „besingt dich“ und „Leben“ und „gegeben“ in der letzten Strophe.

Weiters werden die drei Strophen jeweils in der dritten Langzeile durch das Wort „Dank“ miteinander verbunden. In der ersten Strophe folgt dieser Dank der englischen Vorlage mit dem Dank für das Singen und für den Morgen. In der zweiten Strophe ist es nur die Blüte, die an den Garten erinnert, während die dritte Strophe wieder näher beim Text bleibt mit dem Dank für das Leben, das an jedem Tag neu geschenkt wird. Während die erste Strophe sich dem erwachenden Ohr widmet, sind es in der zweiten Strophe die Augen, die durch das Glitzern der Tautropfen erfreut werden. Sie können ihr farbiges Funkeln erst entfalten, wenn sich das Licht der Schöpfung in ihnen bricht. Die dritte fasst beides zusammen in der Freude, die die Sinne weckt und einem ganz durchdringt. So wie die letzte Strophe der englischen Fassung mit der Selbstaufforderung zum Lob Gottes endet, so ist es die Freude, die nun zum Gotteslob führt.

Da die Übertragung von Joachim Georg kaum über die methodistischen Kreise hinaus verbreitet ist, gibt es davon keine Fassung auf Youtube. Aber unter „Tageserwachen“ ist ein Video eingestellt, das genau dem entspricht, was das Lied ausdrückt: https://www.youtube.com/watch?v=ddoNktcH4U0

Joachim Georgs Übersetzung ist nicht die einzige deutsche Fassung dieses Lieds. Schon 1972, also ein Jahr nach dem Erscheinen des Albums von Cat Stevens, veröffentlichte Daliah Lavi (1942-2017) die Version „Schön ist der Morgen“. Der Text lobt den Morgen als neue Chance, enthält sich aller biblischen Bezüge, greift dafür aber tief in die Kiste unverbindlicher Ratschläge aus der Abteilung „Lebenshilfe“. Um das Arrangement von Cat Stevens verwenden zu können, umfasst diese Version vier Strophen, während Stevens am Schluss die erste Strophe noch einmal wiederholt. Hier die Lavi-Version, gesungen von Semino Rossi, anlässlich des Semperopernballs in Dresden:

Ähnlich säkular kommt Peter Alexanders „Silberner Morgen“ aus dem Jahr 1986 daher:

Vermutlich in Kenntnis dieser säkularen Fassungen und zur Rückgewinnung als Kirchenlied übertrug der schon bekannte Übersetzer von Liedern aus den englischen und skandinavischen Sprachen, Jürgen Henkys (1929-2015), den Text 1987 ins Deutsche. Für den Gesangbuchausschuss des Evangelischen Gesangbuchs überarbeitete er 1990 seine Textfassung noch einmal. 

Als Melodie wurde auf die unverzierte Fassung aus „Songs of Praise“ zurückgegriffen, während das methodistische Gesangbuch dem Reformierten Gesangbuch der Schweiz und Cat Stevens folgend am Ende jeder Melodiezeile eine punktierte (Wechsel)note stehen hat. Diese verzierte Variante, die in gewisser Weise an von Dudelsäcken gespielte Melodien erinnert, setzt sich interessanter Weise im „Volksgesang“ eher durch, wie in diesem Fernsehgottesdienst zu hören ist:

Wie auch Georg so übersetzt Henkys das „Praise“ der zweiten Strophenhälften mit „Dank“ und belässt es im Vers jeweils an derselben Stelle wie in der englischen Vorlage. Die textlichen Wiederholungen des „like the first“ in den ersten beiden Strophen variiert er in seiner Übersetzung mit „rein wie am Anfang“ oder „Frühlied der Amsel“ oder „So lag auf erstem Gras erster Tau.“ Henkys bleibt in seiner Übertragung der englischen Versgestaltung näher, was einerseits zu sehr kurzen Sätzen führt und andererseits in der dritten Langzeile der zweiten Strophe ein Enjambement zur Weiterführung des Gedankens in die nächste Zeile erfordert: „Dank für die Spuren / Gottes im Garten“.

Was dieses Lied in der heutigen Zeit so gut rezipierbar macht, das sind die allgemein-religiösen und nicht direkt christlichen Bezüge. Wer nicht gut mit der Schöpfungsgeschichte bekannt ist, übersieht die Anspielungen auf die Bibel leicht. In der englischen Fassung wird Gott erst in der letzten Langzeile der dritten Strophe benannt und zur Deutung der Schöpfung eines jeden neuen Tages herangezogen. Dass Gott schon im Wort am Schluss der ersten Strophe als Schöpfer tätig ist, wird in manchen säkularen Versionen übersehen, sodass dann zu hören oder zu lesen ist: „fresh from the world“. Und wer weiß das Ende der zweiten Strophe „where his feet pass“ als Gottes Spuren zu deuten, wie es Henkys in seiner Übersetzung tut? 

Kein Wunder also, dass dieses Lied eher in eine Spendengala des bayerischen Fernsehens passt als in einen christlichen Gottesdienst. Das Arrangement des englischen Komponisten John Rutter (*1945) führt das Lied mit der Harfenbegleitung wieder zurück zu seiner keltischen Herkunft:

Pastorin Esther Handschin

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