Liedandacht zu EM 493

In Zeiten der Ungewissheit, bei Übergangen von einer Lebenssituation in eine andere oder bei ständigen Wechseln wünschen wir Menschen uns Beständigkeit, Geborgenheit und die Gewissheit, in solchen Situationen nicht allein zu sein. Eine religiöse Handlung, die das vermittelt ist der Segen. Durch Worte und Gesten wird uns Gottes Kraft und Mitsein zugesprochen und mitgeteilt. Es sind Menschen, die andere Menschen segnen, aber es ist Gott, der durch diese Menschen den Segen wirkt. Hände können zum Segnen erhoben oder auf eine bestimmte Stelle des Körpers gelegt werden. Hinzu kommt das Gebet oder der Zuspruch des Segens: das wirksame Wort. In der Fachsprache wird dies „performativ“ genannt: Indem das Segenswort ausgesprochen wird, entfaltet es seine Wirkung.
Das am Schluss des Gottesdienst gesprochene Segenswort für alle Feiernden wird gerne von einem Lied begleitet, das ebenfalls um den Segen bittet oder – seltener – diesen zuspricht. Manche dieser Segenslieder sind auch mit einem Wort der Aussendung verbunden. Die Menschen, die den Gottesdienst wieder verlassen, haben den Auftrag als Christinnen und Christen in dieser Welt zu leben und auf diese Weise den Segen an andere Menschen weiterzugeben. (vgl. 1. Mose 12,2b: „Ich will dich segnen … und du sollst ein Segen sein.“)
„Herr, wir bitten: Komm und segne uns“ verbindet Segenswunsch und Sendungsauftrag miteinander. Während im Refrain Gottes Segen erbeten wird, zählen die Strophen verschiedene Bereiche der Welt auf, in die hinein Christinnen und Christen gesandt sind, um Jesu Botschaft zu leben.
Hier eine Studio-Version des Liedes mit allen fünf Strophen:

Das Lied hat Peter Strauch (*1943) geschrieben. Er ist in einer Familie aufgewachsen, die zu einer Freien Evangelischen Gemeinde in Wuppertal gehörte. Der gelernte Werkzeugmacher studierte nach seiner Berufslehre am Theologischen Seminar des Bundes Freier evangelischer Gemeinden Deutschlands in Ewersbach Theologie und wurde zunächst Pastor in Hamburg-Sasel. Von 1973 bis 1983 leitete er die Bundesjugendarbeit dieser Gemeinden und führte jährlich zusammen mit seinem Bruder Diethelm missionarische „Singefreizeiten“ durch. Während 14 Tagen kamen junge Menschen aus verschiedenen Kirchen und Freikirchen in Süddeutschland zusammen. Danach nahmen sie die gesungenen Lieder mit in ihre Gemeinden. Damit verbreitete sich auch das Segenslied von Peter Strauch. Nach 1983 machte er weiter Karriere als Bundespfleger im Bund der freien evangelischer Gemeinden und zwischen 1991 und 2008 als Präses dieses Bundes.
Strauch schreibt über die Entstehung des Liedes: „Damals litt ich unter der Passivität vieler Christen. Gerade die Frommen lebten so oft isoliert in ihrer eigenen Tradition und Kultur und begriffen anscheinend nichts von ihrem großen Auftrag. Wo waren die Leute, die – wie Jesus Christus vor 2000 Jahren – den Menschen die Liebe Gottes vor Augen malten? Andererseits wusste ich, dass mit einem bloßen Aktionismus nichts gewonnen war. Auch den gab es schließlich, aber neues Leben brachte er nicht hervor.“ (in: Dietrich Mayer: Das neue Lied im Evangelischen Gesangbuch, 1996, S. 285).
Die teils für diese Jugendchorwochen neu entstandenen Lieder wur- den in drei Liederheften „Songs für Jesus“ 1-3 gesammelt und herausgegeben. Im dritten Heft, erschienen 1977, ist „Herr, wir bitten: Komm und segne uns“ erstmals gedruckt vorliegend. Im Vorwort dieses Heftes wird betont: „Die meisten der vielen Lieder, die heute in der christlichen Jugendarbeit entstehen, haben keine Chance alt zu werden und sollen es auch gar nicht. Dafür sind sie aber aktuell und für die Gegenwart brauchbar. Sie mühen sich um einen zeitgemäßen Ausdruck des Glaubens an Jesus. Sie tun das in einer Sprache, die einfach und nüchtern ist. Melodie und Rhythmus mancher Lieder können als Hinweis darauf verstanden werden, dass der Glaube Bewegung schafft.“
Diese Version mit den Strophen 1, 2 und 5 kann als „historisch“ gelten. Sie stammt aus dem Jahr 1977, also aus dem Jahr der ersten Publikation. Das Tempo ist gemütlich:

Hält dieses Lied, was es verspricht, resp. wird das Lied den Maßstäben gerecht, die sich der Autor selbst gesetzt hat bei der Entstehung?

„Herr, wir bitten: Komm und segne uns“ ist inzwischen weit über den Kreis freikirchlicher Liederbücher verbreitet. Es ist sowohl in verschiedenen Anhängen und Regionalteilen des Evangelischen Gesangbuches wie auch des katholischen Gotteslob zu finden als auch im Jugendliederbuch „rise up“, das in der reformierten und der katholischen Kirche in der Schweiz verwendet wird. Damit gehört das Lied definitiv nicht der „Verbrauchsliteratur“ an, „die keine Chance hat alt zu werden“.
Wie ist es mit der Sprache und den im Lied verwendeten Bildern? Führt das Lied über die Isolierung der Frommen hinaus, die in ihrer eigenen Tradition und Kultur verharren, wie Peter Strauch beklagt hat?
Der Refrain greift biblische Bilder für den Segen auf, wobei der sogenannte aaronitische Segen aus 4. Mose 6,24-26 die Hauptquelle dafür ist. Allerdings wird im Lied der Friede nicht gegeben, sondern auf die Versammelten gelegt und es ist nicht das Angesicht, das über den Gesegneten leuchtet, sondern die Hände Gottes werden über sie gehalten. So wird die menschliche Segensgeste auf Gott übertragen. Während im aaronitischen Segen Gott, der HERR (für den Gottesnamen JHWH), derjenige ist, von dem der Segen ausgeht, so implizieren die Bilder aus den Strophen des Liedes eher, dass Jesus als der Kyrios (= Herr) um seinen Segen gebeten wird. Der markanteste Unterschied ist wohl, dass der Refrain des Liedes eine Bitte der versammelten Gemeinde um den Segen ist, während der aaronitische Segen als Zuspruch an eine einzelne Person erteilt wird.
Mit den Strophen wechselt das Segenslied zu verschiedenen Motiven der Sendung in die Welt. Verschiedene Brennpunkte der Welt werden benannt, in denen sich die um Segen Bittenden zu bewähren haben: Nacht, Traurigkeit und Leid (Str. 1), Schuld und Verspottung (Str. 2), Streit (Str. 3) und Leid (Str. 4) zeichnen eine Gegenwelt zu der Welt, die die Gläubigen im Gottesdienst gerade erleben. Insgesamt wird ein Bild von der Welt gezeichnet, das sie nicht als einen schönen und lebenswerten Ort erfahren lässt. Vielmehr ist die Welt ein Ort, der Freude braucht im Gegensatz zur Traurigkeit (Str. 1). Sie ist ein Ort, der zu ertragen ist und wo man dem Spott anderer ausgesetzt ist (Str. 2). Die Welt wird zum Ort der Verkündigung von Gottes Frieden, der allerdings nur zaghaft beginnen kann, wo es Vertrauen auf Gottes Wort gibt (Str. 3). Die Welt ist auch ein Ort, um Gutes zu tun (Str. 4 ). Schließlich gewährt die fünfte Strophe einen eschatologischen Ausblick auf diejenige Welt, die nach dieser Welt sein wird. Die hiesige Welt wird als ein Ort der quälenden Not wahrgenommen. Sie steht der Welt Gottes gegenüber, wo Gerechtigkeit anstelle von Leid die Jünger prägen wird (vgl. Offb. 21,4). Strauch nennt sie interessanterweise „deine Erde“, was darauf schließen lässt, dass er sich die jenseitige Welt Gottes als sehr diesseitig vorstellt.
Mit der starken Abgrenzung gegenüber der Welt, in die die um Segen Bittenden gestellt sind, wird meiner Meinung nach die vom Textautor kritisierte „Isolierung der Frommen“ sprachlich gerade mitvollzogen statt aufgehoben. Wie in der letzten Zeile der ersten und der letzten Strophe genannt, sehen sie sich als Boten und Jünger, die von ihrem Herrn beauftragt sind einen Unterschied zu dieser Welt zu machen. Freude statt Traurigkeit, Vergebung und Feindesliebe statt Spott, Friede statt Streit, Liebe und Gutes tun statt Leid sind das Programm, mit dem die Welt verändert werden soll. Die Verben innerhalb der Strophen unterstreichen den Auftrag und die Mission: „ausbreiten“, „Boten sein“ (Str. 1), „verkünden“ (Str. 3), „bezeugen“ (Str. 4). Nur die zweite Strophe schlägt mit dem „ertragen“ einen passiven Ton an.
In der konkreten Gottesdienstpraxis weist dieses Lied einige Probleme auf, mit denen nicht leicht umzugehen ist.
Mit fünf Strophen und stets zu wiederholendem Refrain ist das Lied am Ende eines Gottesdienstes als ganzes gesungen eigentlich zu lang. Das zwingt zu einer gewissen Strophenauswahl. Schon in den ersten (freikirchlichen) Liederbüchern, über die sich das Lied verbreitet hat („Sag es allen in deiner Stadt“ 1979, „Singt mit uns“ 1987, „Ich will dir danken“ 1991) wird die fünfte Strophe weggelassen. Bei weiterer Verkürzung in anderen Gesangbüchern wird zusätzlich entweder die Schuld-Strophe (2) oder die Leid-Strophe (4) weggelassen.
Hier eine Version mit den Strophen 1 bis 4 zum Karaoke-Singen (aus Wien, man beachte die Basslinie!):

Schwierig ist auch die Wahl des Tempos. Der Refrain legt es nahe, eher flott zu singen. Dazu wählen die Herausgeber der Liederbücher in der Regel eine Notation in halben Notenwerten (4/2- oder 2/2-Takt). In den Strophen, die mehr Text aufweisen und wo der Schlag vorgezogenen wird (Synkopen), wirkt das flotte Tempo auf einmal gehetzt. Insbesondere die kleine Wechselnote am Ende der zweiten Strophenzeile lässt sich kaum mehr sauber singen. Das hat oft zur Folge, dass beim Gemeindegesang der Rhythmus „zurecht gesungen“ wird, worauf das Lied dann im Vierteltakt als Marsch erklingt.
In diesem Beispiel aus einem Fernsehgottesdienst ist der Mädchenchor im Refrain deutlich flotter unterwegs als die Gemeinde. Man beachte die Melodievariante am Schluss der Strophe:

Segenslieder spielen nicht nur am Ende eines Gottesdienstes, sondern oft auch bei Kasualgottesdiensten zu bestimmten Lebensereignissen eine wichtige Rolle, z.B. Erstkommunion, Konfirmation und Hochzeit. Hier tut sich für mich die größte Spannung des Liedes auf. Während der Refrain die Begleitung Gottes in diesen Lebensübergängen unterstreicht, sprechen die Strophen Lebenssituationen an, die nicht unbedingt passend erscheinen: Erleben Erstkommunionkinder die Welt als einen Ort von Traurigkeit, Streit und Leid? Und was denken sich die Eltern dabei, während sie dieses Lied singen?

Sehnen sich Konfirmandinnen und Konfirmanden nach einer Welt, wo uns nichts mehr quält? Ist für Hochzeitspaare die Welt voller Leid? Sicher nicht in diesem weihnachtlich geprägten Ambiente einer Demo-Version für Hochzeiten:


Es mag für einzelne Personen der Fall sein, dass sie diese Welt als ihnen feindlich gesinnt erleben. Aber das ist sicher nicht die Mehrheit einer kasualen Feiergemeinde.
Als Schlusslied für Sonntagsgottesdienste ist es wohl am besten, nur eine Strophe zu singen, wie in diesem Fernsehgottesdienst:


Pastorin Esther Handschin

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Foto Christine Schmidt via Pixabay