Der Muttertag geht auf die Initiative einer Methodistin zurück

Schon in Kindertagen wurde die US-amerikanische Methodistin Anna Marie Jarvis von der Vision ihrer Mutter geprägt, ein Gedenken für alle Mütter – lebende wie verstorbene – einzurichten. Nach dem Tod ihrer Mutter Ann am 9. Mai 1905 startete Anna eine breit angelegte Kampagne mit dem Ziel, den Wunsch ihrer Mutter zu erfüllen. Drei Jahre später, am 10. Mai 1908 fand erstmals eine öffentliche Gedenkfeier in der Andrews Methodist Episcopal Church für alle Mütter in Grafton (VA) statt. In Folge etablierte zunächst die Kirche den zweiten Sonntag im Mai als Muttertag.

Ann Maria Reeves Jarvis und ihre Tochter Anna Marie Jarvis

Für den ersten Muttertagsgottesdienst 1908 ließ Anna 500 weiße Nelken in die Kirche bringen, die den teilnehmenden Müttern gegeben wurden. In den nächsten Jahren verteilte sie mehr als 10.000 Nelken – rote für die Lebenden und weiße für die Verstorbenen. Sie wurden zu Symbolen der Reinheit, Kraft und Ausdauer der Mütterschaft.

Anna widmete sich fortan hauptberuflich dem Ziel, einen offiziellen Muttertag zu schaffen. Die von ihr gegründete Bewegung wuchs sehr rasch an, und bereits 1909 wurde der Muttertag in 45 Staaten der USA gefeiert, zunächst in den Methodistischen Kirchen. Im Jahr 1914 wurde der Muttertag in den USA erstmals als nationaler Feiertag begangen.

Mit steigender Verbreitung kam es auch zu einer immer stärkeren Kommerzialisierung des Muttertags – sehr zum Missfallen seiner Begründerin. Anna Marie Jarvis wandte sich in Folge von der Bewegung ab und bereute, diesen Feiertag ins Leben gerufen zu haben. Sie kämpfte jedoch erfolglos für seine Abschaffung. 1948 starb sie im Alter von 84 Jahren und wurde in Philadelphia begraben.

Die Diakonie erinnert in einer Kampagne an die ursprüngliche Idee von Anna Marie Jarvis. Der Muttertag soll ein Tag der Solidarität sowie der Botschaft für soziale Gerechtigkeit und Frieden sein. Darum bittet die Diakonie um Spenden für Mütter in Armut.

Wie wurde der Muttertag in Österreich aufgenommen? 

Im „Evangelist für die Donauländer“ vom 1. Mai 1927 findet sich eine kurze Notiz in der Rubrik „Ecke der Schriftleitung“:

„Der zweite Sonntag im Mai gilt als Muttersonntag. Von den Kirchen in Amerika angeregt, wird diese Einrichtung nun auch außerhalb der Kirchen in Europa und Amerika von den Völkern übernommen. Wir sollten in unseren Gemeinden die Gelegenheit zur Förderung eines gesunden Familienlebens nicht übersehen.“

Die darauf folgende Ausgabe vom 15. Mai greift das Thema noch einmal auf mit einer biblischen Betrachtung zur Mutterliebe über Matthäus 15, 21-28 und einem Literaturhinweis auf das Buch „Die Mutter unter ihren Kindern“ von Agnes Sapper sowie einem Muttertagsgedicht.

Es sind dies die frühesten Hinweise auf den Muttertag in methodistischen Publikationen in Österreich. Sie zeigen drei Dinge: Einerseits war man sich in der Methodistenkirche bewusst, dass der Muttertag auf eine kirchliche Initiative aus den USA zurückging. Andererseits hatte man wahrgenommen, dass im deutschsprachigen Europa weltliche Kreise diese Anregung, die Mütter zu ehren, aufgenommen hatten. Schließlich wollte man das zum Anlass nehmen, „das gesunde Familienleben“ zu fördern.

Letzteres kann man als leise Kritik an der – zumindest in Deutschland – schon früh einsetzenden Kommerzialisierung des Muttertags sehen. Dort waren es die Inhaber von Blumengeschäften, die ab 1923 den Muttertag propagierten. Ähnlich in der Schweiz, wo der Muttertag zwar schon 1914 in der französischsprachigen Schweiz in frommen Kreisen propagiert wurde, aber erst auf Anregung der Floristen, Gärtner und Konditoren ab Mitte der 20er Jahre an Beachtung in der ganzen Schweiz gewann.

Marie Hainisch. Österreichisches Volkshochschularchiv / Public domain

Anders verlief die Verbreitung des Muttertags in Österreich. Hier war es die Frauenrechtlerin Marianne Hainisch (1839-1936), die sich 1924 zusammen mit der Pfadfinderbewegung für die Einführung des Muttertags engagierte. Die Industriellengattin wurde auf die Not von Frauen aufmerksam, die im 19. Jahrhundert selten eine gut bezahlte Arbeit fanden. Man war der Meinung, dass Frauen nicht erwerbsfähig seien. Hainisch setzte sich über den Wiener Frauenerwerbsverein für eine bessere berufliche Bildung von Frauen ein, gründete 1892 das erste Mädchengymnasium (heute GRG 6 in der Rahlgasse 4 in Wien-Mariahilf), forderte die Zulassung von Frauen zum Hochschulstudium, gründete 1902 den Bund Österreichischer Frauenvereine und kandidierte 1919 vergeblich für einen Sitz im Parlament als österreichische Frauen erstmals zur Nationalratswahl zugelassen wurden. Fünf Jahre nach Einführung des Muttertags gründete sie im Alter von 90 Jahren noch die Österreichische Frauenpartei.

Erst mit dem Anschluss Österreichs 1938 an das Großdeutsche Reich wurde der Muttertag als „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“ gefeiert, auf den 3. Sonntag im Mai verlegt und durch die Nationalsozialisten zur Verleihung von Ehrenkreuzen an deutsche Mütter genützt.

In späteren Jahrgängen des „Evangelist für die Donauländer“ bis 1937 wird der Muttertag unterschiedlich thematisch aufgegriffen. Hinrich Bargmann als Schriftleiter und Superintendent beklagt am 11. Mai 1930, dass der Staat den Müttern die Freuden des Mutterberufs nehme, da er für „die Entbindungen in Anstalten, für Unterbringung des Kindes im Säuglingsheim, im Kindergarten, in der Schule, im Hort“ sorge, sodass das Kind eher dem Staat als der Mutter gehöre. Paula Spörri-Seidlmann, ehemalige Chinamissionarin und dann Pastorenfrau, selbst kinderlos, weist in der Ausgabe vom 1. Mai 1936 auf das Schicksal von alten Frauen hin, die von ihren Kindern vergessen oder schlecht behandelt werden, und mahnt dazu, den Müttern jetzt Gutes zu tun statt später am Grab Tränen zu vergießen.

Pastorin Esther Handschin

Quellen: wikipedia.de und „Evangelist für die Donauländer“ (Archiv der EmK in Wien).
Foto: Manfred Richter via Pixabay