Liedandacht zu EM 280

Die Zeit, seit der wir mit dem Corona-Virus zu leben haben, schreitet voran. Ein gewisse Gewöhnung ist eingetreten. Wir haben inzwischen das Distanzhalten eingeübt und uns ans Einkaufen mit einem Mund-Nasen-Schutz gewöhnt. Es geschehen zaghafte Schritte der Wiederannäherung an das alltägliche Leben. Aber eine Grundverunsicherung bleibt. Dass sich manches, was in der Zukunft liegt, so gar nicht planen lässt, ist frustrierend. Wie sieht es mit dem Sommerurlaub aus? Welche geplante Reise ins Ausland lässt sich durchführen? Wann werde ich ein Konzert, die Oper, das Theater besuchen können? Und natürlich auch: Wie lässt sich der Gottesdienst so feiern, wie wir es gewöhnt sind?

Zeiten, wo vieles anders ist als gewohnt, lassen Fragen aufkommen, die wir normalerweise in den Hintergrund zurückdrängen. Wenn wir mehr auf uns selbst zurückgeworfen sind, erleben uns unter anderen Umständen und sind oft überrascht, wie wir darauf reagieren. Da macht einer die Erfahrung, dass er viel besser mit sich selbst zurecht kommt als geahnt. Auf die Begegnungen mit anderen Menschen kann er gut verzichten. Bin ich so ein Einzelgänger geworden, dass ich es sogar noch genieße? fragt er sich. Und eine andere merkt, dass sie die Situation allein in der Wohnung kaum aushält. Sie braucht Gemeinschaft wie die Luft zum Atmen. Fällt es mir so schwer, mich selbst auszuhalten? ist sie besorgt. Und viele bringen diese neuen Erfahrungen mit sich selbst mit ihrem Glauben an Gott in Verbindung: Wer bist du, Gott, dass du uns das zumutest? Was willst du uns mit dieser neuen Situation sagen? Kann ich dir noch vertrauen? Gibt es in einer Welt unter diesen Bedingungen eine Zukunft für mich?

Ein Lied, das solche Fragen aufnimmt, ist das Lied „Ich möchte gerne glauben, dass mich einer wirklich liebt“. Es schlägt leise Töne an und stellt Fragen, die in die Tiefe gehen. Vielleicht ist es mehr ein Solo-Lied, um es alleine zu Hause zu singen, als ein Lied, das man als ganze Gemeinde miteinander im Gottesdienst singt.

Der Verfasser von Text und Melodie des schwedischen Originals, Tore Littmarck (1921-2007), hat seine berufliche Laufbahn als Berater bei den Pfadfindern begonnen. Später arbeitete er als Generalsekretär beim schwedischen Pfadfinderbund und schließlich als Gemeindekoordinator einer großen Kirchgemeinde in Uppsala. Drei seiner Lieder wurden in den Stammteil des schwedischen Gesangbuchs von 1986 aufgenommen.

Junge Menschen in der Pubertät und in den Jahren ihrer Ausbildung, wo vieles ungewiss ist – nicht nur im Leben, sondern auch im Glauben –, sie finden sich in den Worten dieses Liedes wieder. Fragen und Zweifel werden ausgesprochen, die ihnen bekannt sind.

Hier die schwedische Version mit Text:

Eine wörtliche Übersetzung aus dem Schwedischen verdanken wir Emil Persson und Helmut Nausner: 

Ich möchte wagen zu glauben,
dass mich jemand lieb hat.
Ich möchte wagen zu glauben,
dass Gott hier sein kann.
Ich möchte wagen zu glauben,
dass Liebe die Macht ist, die dennoch die Welt trägt.
Ich möchte gerne glauben,
aber wer traut sich dies zu tun?
Ich möchte gerne beten,
aber wen kann das Gebet erreichen?
Ich möchte gerne glauben,
dass jemand den Sinn sieht, den ich nicht mehr begreife. 
Ich möchte wagen zu glauben,
dass jemand alle Not sieht.
Ich möchte wagen zu glauben,
dass Gott hinter dem Tod existiert.
Ich möchte wagen zu glauben,
dass es jemanden gibt, der möchte, dass ich sein wäre (ihm gehöre).
Ich möchte wagen zu glauben.
Ich kann ja nicht mehr.
Wie das Korn die Zeit des Keimens erwartet,
dass das Wunder des Lebens geschieht,
so warte ich und sehne mich
den Glauben zu empfangen, den ich nicht selber erreichen kann.

Wer bin ich? Wer liebt mich? Hilft Beten? Erreichen meine Gebete Gott? Gibt es einen Sinn im Leben? Gibt es Gott? Kann ich an diesen Gott glauben? Dieses Lied lässt Fragen und Zweifel zu. Es gibt keine Antworten, sondern es schafft Raum für Gedanken, die nicht nur junge Menschen beschäftigen. Es drückt eine Sehnsucht aus, die viele Menschen in sich tragen: geliebt zu werden, einen Sinn im Leben zu erkennen, Zugehörigkeit zu erleben und Glauben zu können, ohne dass dieser Glaube zum Krampf wird, so jeweils die letzte Zeile jeder Strophe.

Es ist nicht einfach, ein Lied voller Fragen in eine andere Sprache zu übertragen. Hans Lanz (*1945), Pfarrer der Evangelisch-methodistischen Kirche in der Schweiz, hat einen Versuch gewagt. Er hat sich nicht genau an die Vorlage gehalten, sondern einen neuen Text geschaffen, der aus dem Schatz seiner eigenen Lebenserfahrungen schöpft. 

Sein Weg als Pastor verlief nicht geradlinig. Nach der Ausbildung am Theologischen Seminar in Frankfurt am Main und Reutlingen, die in Zeit der Kirchenvereinigung und Seminarzusammenlegung sowie in die politische Umbruchszeit der 68er-Jahre fiel, und nach einigen Jahren im Gemeindedienst verließ er den kirchlichen Dienst, um in der „Gassenküche“ in Basel zu arbeiten. Hier werden Randständige regelmäßig mit Essen versorgt, in Corona-Zeiten als Take away. Dieser Wechsel rief in der Dienstgemeinschaft der Pastor*innen viele Fragen auf und weckte gleichzeitig das soziale Gewissen der Schweizer Methodisten, das in den 60er und 70er Jahren eingeschlafen war. Später kehrte er als Seelsorger in den Dienst der Kirche zurück, zunächst auf einer Hospizstation für AIDS-Kranke und dann bei den Diakonissen des Diakoniewerks Bethanien Zürich. 

Hans Lanz arbeitete sowohl im Ausschuss für das Liederheft „leben und loben“ (Ergänzungsheft zum Gesangbuch von 1969) als auch im Ausschuss für das Gesangbuch von 2002 mit und brachte seine Sprachkompetenz in der Überarbeitung von (älteren) Liedtexten ein (vgl. Nr. 511 „Ich bin getauft auf deinen Namen“ und Nr. 560 „So jemand spricht: »Ich liebe Gott«“ mit einer Textfassung ohne „Brüder“).

In seiner Übertragung lässt Hans Lanz den Inhalt der zweiten Strophe des schwedischen Originals weg. Auch das Bild aus der vierten Strophe vom keimenden Korn, das Zeit braucht bis das Wunder des Neuwerdens geschieht, kommt in der Fassung von Lanz nicht mehr vor. Dennoch wird ein Aspekt dieses Bildes der letzten Strophe aufgegriffen. Gott wird als der angesprochen, „der die Zukunft ist“. Statt dem Warten und der Sehnsucht Ausdruck zu geben, verwendet Lanz als Bild der Geborgenheit das Gehaltensein, das schon zu Beginn der zweiten Strophe anklingt.

Stärker geprägt sind die drei Strophen in der Fassung von Hans Lanz von der Sehnsucht nach einer Gegenwelt zum neoliberalen Diktat, wo „die ganze Welt nach Macht und Geld nur strebt“ (Str. 1). Auch in der dritten Strophe wird dieses menschliche Bestimmtwerden durch das „Sein und Haben“ angesprochen. Die zweite Strophe dazwischen spricht die persönliche Not an und die Sehnsucht nach Beziehung, resp. nach einem Gegenüber, das einen versteht.

Es lohnt sich, diesem vorsichtig fragenden Text einen anderen Liedtext aus dem Gesangbuch gegenüberzustellen, um die Besonderheit des Liedes schwedischer Herkunft zu erkennen. Lied Nr. 335 „Freue dich und glaube fest“ ist 1957 – nur zwölf Jahre zuvor – entstanden, scheint aber aus einer ganz anderen Zeit zu stammen. Sorgen und Nöte werden in der ersten Strophe kurz beiseite gewischt („Lass die Sorgen, lass die Not!“) und Zweifel in der zweiten Strophe als nicht weiterführend bezeichnet („Bleib nicht bei den Zweifeln stehn!“). Fragen sind nicht zielführend (Str. 3), sondern machen „mutlos und verzagt“ und bringen einem vom Weg ab („bleibt am Wege liegen“). Das Brüchige, Fragende und Fragile des Lebens wird hier platt gewalzt und übertüncht mit Aufforderungen zum Glauben („Freue dich und glaube fest“) und Aussagen, die Gott zum Garanten des Wohlergehens machen („er gibt Freude, Mut, Verstand; / mit ihm wirst du siegen.“, Str. 3). 

Dieses Lied passt – auch mit seiner Melodie, die an den Anfang von „Old MacDonald had a farm“ erinnert – in die Aufbauzeit der 50er-Jahre, wo sich niemand mit den biographischen Brüchen, die der Zweite Weltkrieg hinterließ, auseinandersetzen wollte. Der Text dient der Glaubensvergewisserung von verunsicherten Menschen, lässt aber keine Fragen und Zweifel zu. Diese sind jedoch genauso ein Ausdruck des Glaubens wie Lobpreislieder und Jubelgesänge.

Zurück zum Lied von Tore Littmarck. Als einer, der viel mit jungen Menschen zu tun hatte, nahm er Ende der 60er-Jahre, wo sich nach der Zeit des Aufbaus verschiedene gesellschaftliche Brüche zeigten, diese Fragen und Zweifel auf und verlieh ihnen mit seinen Worten Ausdruck. Wie viele junge Menschen konnten sich in diesen Worten mit ihren Glaubenszweifeln wiederfinden? Tore Littmarck hat ihnen eine Stimme gegeben.

Zum Schluss noch eine Fassung, wie sie bei Kirchenliedern aus dem skandinavischen Raum oft zu finden ist, mit leicht jazzigem Einschlag:

Pastorin Esther Handschin

Bild von Myriam Zilles auf Pixabay