Liedandacht zu EM 46

Der Anlass, dieses Lied näher zu betrachten, liegt weniger in einer Besonderheit als in den unterschiedlichen Video-Beiträgen, die ich dazu gefunden habe. Sie geben uns Einblick in interessante Bereiche des skandinavischen Kirchenliedvermittlung, die auch im deutschsprachigen Europa interessant sein könnten.

Die schwedische Liedvorlage „Måne och sol, vatten och vind“ stammt von der Kinderbuchautorin und Übersetzerin Britt Gerda Hallqvist (1914-1997). Sie hat 1974 einen Liedtext für den Vorschlag einer Gottesdienstordnung für Familiengottesdienste geschrieben. Der neue Text sollte an der Stelle des Gloria-Liedes „Allena Gud i himmelrik“ (Allein Gott in der Höh sei Ehr) stehen. Jürgen Henkys (1929-2015), dem wir schon mehrfach als Liedübersetzer begegnet sind, hat seine Übersetzung 1987 geschaffen.

Hier die schwedische Fassung in einer modernen Version:

Das Gloria-Lied „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ (EM 29) hat Nicolaus Decius (um 1485 – nach 1546) 1522 aus dem Lateinischen übertragen, um es in Braunschweig 1523 für die Osterzeit zur Verfügung zu haben. Damit kann man diesem Lied den Titel „erstes deutsches Kirchenlied“ verleihen, da es noch vor den ersten Übersetzungen und Liedern von Martin Luther entstanden ist. Die Übertragung von Decius hatte ursprünglich drei Strophen und folgt dem Text des „Gloria in excelsis Deo“, das ab dem 12. Jahrhundert in jeder lateinischen Messe außerhalb der Bußzeiten von Advent und Fastenzeit erklungen ist. Das „Gloria in excelsis Deo“ wiederum ist ein Lobgesang, der auf das 4. Jahrhundert zurückgeht, lange Zeit Ambrosius von Mailand (339-397) zugeschrieben wurde und eine textliche Erweiterung des biblischen Lobgesangs der Engel auf den Feldern von Bethlehem ist (Lk 2,14). Vermutlich war es Joachim Slüter (um 1490-1532), der 1525 diesen drei Strophen von Decius noch eine vierte beigefügt hat und damit den Lobgesang trinitarisch um den Aspekt des Heiligen Geistes erweitert hat.

Hier eine gediegene Fassung dieses Liedes für Chor und Orgel:

Zumindest die erste Strophe von „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ hat in der lutherischen Liturgie den Platz des Gloria-Gesangs im Eingangsteil des Gottesdienstes eingenommen und wird somit (theoretisch) jeden Sonntag gesungen.

Hier eine Version aus einem Gottesdienst zum Bischofswechsel in Oldenburg:

Wie auch im deutschen Sprachraum, so war man auch in Schweden in den späten 60er- und in den 70er-Jahren auf der Suche nach Liedern, die die gottesdienstlichen Gesänge in einer kindgerechten Weise zur Sprache bringen. Das scheint mit „Sonne und Mond, Wasser und Wind“ von Jürgen Henkys gut gelungen zu sein.

Die drei Strophen sind den drei Personen (Erscheinungsweisen) Gottes zugeordnet. Strophe 1 zählt verschiedene Werke der Schöpfung auf, die „droben und hier“ also im Himmel und auf Erden, zu finden sind. Die Schlusszeile jeder Strophe „Gott, unserm Herrn, wolln wir danken“ leitet zum Refrain über, der wiederum Abschnitte aus dem Schlussteil des „Gloria in excelsis Deo“ aufnimmt: Dank, Anbetung und Lobpreis des Namens Gottes.

Strophe 2 ist Jesus gewidmet und erzählt von dessen Leben, Tod und Auferstehung. Dicht entlang des schwedischen Textes wird das in äußerster Knappheit ausgedrückt und zugleich noch das Ziel, das „pro nobis – für uns“ eingefügt: „Jesus, der Sohn, lebte und starb. Für uns alle, für uns starb er – und lebt!“ Dass dies nicht allein ein Geschehen aus früherer Zeit ist, sondern Christus in jedem Gottesdienst unter uns gegenwärtig ist, drückt die Zeile aus: „Heut ist er hier, hört, er ist hier!“

In der 3. Strophe wird Gottes Gegenwart im Heiligen Geist weiter erläutert. Dieser Geist berührt unsere Herzen, macht uns lebendig und führt, leitet und trägt uns jeden Tag neu.

Die deutsche Übersetzung verzichtet – auch im schwedischen Text – auf alle Reime und doch gewinnt man den Eindruck, dass die Sprache in gewisser Weise „gebunden“ ist. Dies gelingt durch verschiedene sprachliche Ausschmückungen wie Zwillingsformen (Sonne und Mond, Wasser und Wind, Kinder und Blumen, droben und hier, heilig und stark, lebendig und warm, tagaus, tagein), Stabreime (Wasser und Wind), Anaphern, d.h. Wiederholungen (für uns alle, für uns), Gegensatzpaare (lebte und starb), Alliterationen (warm weht) und einen Chiasmus (Wortstellung übers Kreuz: lebte und starb … starb er – und lebt).

Auf Youtube ist keine deutsche Version zu finden, aber zumindest hier die ersten beiden Strophen von einer anderen Aufnahme auf evangeliums.net:

Auch dem Schöpfer der Melodie, dem norwegischen Komponisten Egil Hovland (1924-2013), sind wir schon begegnet beim Tauflied „Voller Freude sehn wir, Gott, dein Wunder“ (EM 515). Es mag erstaunen, dass ihm diese Melodie im schwungvollen Dreiertakt nach der Beerdigung eines Freundes eingefallen ist. Der Komponist erzählt, dass es ihm gewesen sei, als seien die Chorkinder ihm zugeflogen und wären als Noten auf dem Papier gelandet. Die Melodie der ersten Strophenzeilen ist stark am Dreiklang orientiert und dadurch leicht erlernbar. Es empfiehlt sich, beim Lernen der Melodie mit dem Refrain zu beginnen, sodass dieser nach jeder Strophe als kräftiger Lobgesang erklingt.

Hier eine norwegische Kinderchorfassung mit einer Instrumentierung im Stil der Seemannslieder:

Nicht nur in Norwegen wird dieses Lied gern gesungen, sondern auch in Dänemark. Hier ein Beispiel wie man schon kleinste Kinder damit vertraut macht. Der „Babysalmesang“ ist ein Form der Liedvermittlung, die in der lutherischen Kirche Dänemarks gepflegt wird. Eltern, in diesem Beispiel die Mütter, kommen mit ihren Säuglingen für eine Halbe bis eine Dreiviertelstunde in die Kirche und lernen dort mit dem Kirchenmusiker und dem Organisten Kirchenlieder für ihre Kinder zu singen. Verschiedene Materialien oder Bewegungen zu den Liedern bereichern das Singen. In manchen Gemeinden geschieht der „Babysalmesang“ auch im Rahmen der Taufvorbereitung. So werden die Säuglinge mit den Besonderheiten des Kirchenraums, seinen Gerüchen und der anderen Akustik sowie mit den Orgelklängen vertraut, was sich mit deutlich weniger Geschrei bei den Taufen auswirkt.

Eine einfache, bilderreiche und klare Sprache zeichnet das Lied aus und prädestiniert es dafür, auch in Gebärdensprache „gesungen“ zu werden. Was sonst die Dichtkunst auszeichnet, nämlich ein Versmaß und der Reim, fällt bei der Gebärdensprache weg. Dennoch wird auch für gebärdete Kirchenlieder nicht einfach Alltagssprache verwendet, sondern eine mit Bildern angereicherte Sprache. Es gibt auch eigens „komponierte“ Gedichte in Gebärdensprache, da sich nur wenige Kirchenlieder dafür eignen, mit Gebärden begleitet zu werden. „Sonne und Mond“ gehört dazu, allerdings beginnt es auf Schwedisch mit „Mond und Sonne“.

Gebärdensprache ist nicht einfach zu erlernen und braucht viel Übung und Koordination, wie dieses Video im zweiten Teil zeigt:

Und schließlich: Gebärdensprache ist nicht gleich Gebärdensprache. Die norwegische Version sieht doch etwas anders aus als die beiden schwedischen Fassungen zuvor:

Pastorin Esther Handschin

Bild von Ben Scherjon auf Pixabay