Liedandacht zu EM 411

Im Herrnhuter Losungsbüchlein steht über den Texten vom vergangenen Sonntag Exaudi (6. Sonntag nach Ostern): „Weltgebetswoche für die Einheit der Christen“ und in Klammer „Ökumenische Gebetswoche“. Nun wundern sich manche, weil sie – zumindest im deutschsprachigen Raum – die Gebetswoche für die Einheit der Christinnen und Christen zwischen dem 18. und 25. Jänner feiern. Der 18. Jänner ist der Gedenktag an das Bekenntnis des Petrus zu Jesus als dem Christus (Matth. 16,16) und der 25. Jänner der Bekehrungstag des Apostels Paulus. Der Weltkirchenrat (World Council of Churches) führt beide Wochen als Gebetswochen für die Einheit der Christen an. Vor allem die Kirchen auf der südlichen Halbkugel, die im Jänner ihre Sommerferien haben, führen die Gebetswoche lieber in der Woche vor Pfingsten durch.

Das Fest von Pfingsten mit der Ausgießung des Heiligen Geistes wird gerne auch als „Geburtstag der Kirche“ bezeichnet. Darum ist es durchaus stimmig in der Woche vor Pfingsten für die Einheit der Kirche zu beten. Die biblische Schlüsselstelle dazu finden wir in Johannes 17,21, wo Jesus im sogenannten „hohenpriesterlichen Gebet“ für seine Jünger bittet: „Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“ (Joh 17,20f) Es geht also nicht einfach um die Einheit, sondern auch um das Zeugnis, das die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu mit dem Umgang untereinander nach außen hin abgeben.

Wie diese Einheit auszusehen hat, darum mühen sich die Kirchen nach wie vor. Dabei geht es nicht allein um das ökumenische Gespräch zwischen den verschiedenen Konfessionen. Auch innerhalb einer einzelnen Kirche, die sich eine Ordnung oder Verfassung gibt, ist immer wieder neu auszuhandeln, wie Entscheidungen zustande kommen und wie einheitlich die Einheit zu sein hat. Braucht es die Zustimmung aller? Genügt eine qualifizierte oder auch nur eine einfach Mehrheit? Wie sind die Stimmen zu werten, die dagegen sind? Gibt man denen, die anderer Meinung sind, das Recht auf ein Minderheitsvotum?

Gerade in den Briefen des Apostels Paulus finden wir verschiedene Bilder dafür, wie Einheit und Verschiedenheit zusammengehen können. Eines davon ist das Zusammenspiel verschiedener Körperteile, die zu einem Leib gehören, wie er es in 1. Korinther 12 beschreibt. Dabei spielt der heilige Geist eine wichtige Rolle. Einheit zu leben bedeutet also, sich von Gottes Geist leiten und prägen zu lassen.

Mit seinem Lied „Lågorna är många, ljuset är ett“ hat Anders Frostenson (1906-2006) ein bildhaftes Lied zur Einheit der Kirche und der Kirchen in ihrer Verschiedenheit und Vielfalt geschaffen. 

Hier eine Version mit dem schwedischen Text: 

Frostenson verwendet darin einerseits die biblischen Beispiele aus 1. Korinther 12, aber andererseits auch Bilder, die auf Cyprian von Karthago (um 200 bis 258) zurückgehen. In seiner Hauptschrift „De ecclesiae catholicae unitate“ (5) erläutert Cyprian die Einheit der Kirche mit verschiedenen Bildern: viele Strahlen, doch nur ein Licht; viele Zweige, doch nur ein Stamm; viele Wasserläufe, doch nur eine Quelle.

In der Zentrale des Ökumenischen Weltkirchenrates in Genf findet sich im Eingangsbereich das Zitat von Cyprian: „Lampades sunt multae, una lux“. Anders Frostenson wurde von seiner lutherischen Kirche 1969 in den Ausschuss für ein neues Gesangbuch berufen, das dann 1986 erschienen ist. Er hatte schon beim Vorgängergesangbuch von 1937 mitgearbeitet. Um für das Gesangbuch von 1986 neue Lieder aus anderen Ländern für die schwedischen Kirchen zugänglich zu machen, ist er nach Genf gereist, um dort die Liedauswahl kennenzulernen, die für das Liederbuch „Cantate Domino“ des Weltkirchenrates von 1974 in Vorbereitung war. Dabei musste er feststellen, dass viele Lieder nicht für eine Übersetzung ins Schwedische geeignet waren, da die schwedische Sprache manches viel kürzer auszudrücken vermag. 

Hier nochmals eine schwedische Version:

So schuf Frostenson neue Lieder aufgrund von bestehenden Liedtexten, die dann von schwedischen Komponisten neu vertont wurden. Ein Beispiel dafür ist das Lied von Christa Weiß (verh. Werner, *1925) „Die ganze Welt hast du uns überlassen“ (EM 584). 

Hier die Strophen 1, 2 und 6 der nicht ganz einfachen Melodie:

Frostenson dichtete daraus etwas knapper mit vier Strophen „Guds kärlek är som stranden och som gräset“, hier zwei Strophen in einer quasi „royalen Fassung“:

Das Lied ist wiederum als „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ (Übersetzung von Ernst Hansen 1970, Evangelisches Gesangbuch Württemberg, Nr. 643) in den deutschen Sprachraum zurückgekehrt und hat es auch in säkulare Liederbücher und Schulchöre geschafft:

Nachdem die Übersetzung von Hansen trotz der weiten Verbreitung nicht zufriedenstellend ist (ein Ufer strahlt nicht die Weite aus wie der Strand des Originals), schuf Markus Jenny (1924-2001) eine weitere Übersetzung: „Weit wie das Meer ist Gottes große Liebe“ (Reformiertes Gesangbuch der Schweiz, Nr. 700).

Zurück zum Lied von den Strahlen und dem Licht. Das Zitat aus der Eingangshalle des Weltkirchenrates in Genf inspirierte Anders Frostenson 1972 zum Lied „Lågorna är många“. Später, in einem Interview zu seinem 90. Geburtstag auf die Frage, welches Lied sein liebstes sei, sagte er: „Ein liebstes Lied habe ich nicht. Aber mein Ökumene-Lied ist mir das wichtigste: Lågorna är många, ljuset är ett. …“

Die Übersetzung des Liedes stammt von 1976 von Dieter Trautwein (1928-2002), einem hessischen Pfarrer in kirchenleitender Funktion, der am oben erwähnten Liederbuch des Weltkirchenrates „Cantate Domino“ mitgearbeitet hat, später auch im Gottesdienstausschuss für die 6. Vollversammlung des Weltkirchenrates in Vancouver 1983. Das dafür herausgegebene Gottesdienstbuch lässt erkennen, dass der Weltkirchenrat damit vollends eine globale Organisation geworden ist. Dominierte in den Jahrzehnten davor das Liedgut der (protestantischen) Kirchen des Westens und kamen ab 1961 auch einige östliche Kirchengesänge dazu, so wurde nun reichlich aus den Liedquellen der Kirchen der südlichen Halbkugel geschöpft. Darunter sind nicht wenige methodistische Autor*innen zu finden wie Pablo Sosa (1934-2020) und Federico Pagura (1923-2016) aus Argentinien, Mortimer Arias (1924-2016) aus Uruguay/Bolivien, Patrick Matsikenyiri (*1937) aus Zimbabwe und Doreen Potter (1925-1980) aus der Karibik. Dieses Gottesdienstbuch war auch für die Verbreitung von „Strahlen brechen viele aus einem Licht“ wesentlich. Schließlich war Trautwein Mitherausgeber von „Thuma mina“, dem Liederbuch der Basler Mission von 1995, ebenfalls eine wichtige Quelle für ökumenisches und internationales Liedgut, wo das Lied noch einmal zu finden ist in schwedisch, deutsch, englisch und spanisch.

Hier eine englische Fassung:

Die erste und die zweite Strophe nehmen Bezug auf die beiden Bilder, die Cyprian von Karthago für die Vielfalt in der Kirche verwendet hat: Strahlen, die aus einer Lichtquelle hervorgehen, Zweige, die aus einem Stamm wachsen. In beiden Strophen werden das Licht und der Stamm mit Christus identifiziert. Die weiteren drei Strophen führen verschiedene Aspekte aus dem 12. Kapitel des ersten Korintherbriefes aus. „Es gibt verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist“ heißt es in V 4. Die dritte Strophe nennt aber nicht den Geist als das einigende Band, sondern die Liebe. So heißt es in Kol 3,14: „Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.“ Ähnlich auch im 13. Kapitel des ersten Korintherbriefes, wo die Liebe als die alles verbindende Kraft genannt wird. Die vierte Strophe nimmt mit den verschiedenen Diensten den 5. Vers aus 1. Kor 12 auf: „Und es sind verschiedene Ämter, aber es ist ein Herr.“ Die letzte Strophe nimmt das Bild auf, das Paulus ab Vers 12 in 1. Kor 12 entwickelt: „Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind; so auch Christus.“

Die Verbindung über alle Liedstrophen hinweg bilden zwei Elemente: Das eine ist das letzte Wort der jeweils zweiten Zeile. Es ist Christus. Er ist das Licht (Str. 1) und der Stamm (Str. 2), er schenkt uns die Liebe, die uns miteinander verbindet (Str. 3), wir dienen aus seinem Geist heraus (Str. 4) und wir gehören als Glieder zu einem Leib (Str. 5). Das andere verbindende Element ist die Schlusszeile „und wir sind eins durch ihn“. Zu Christus zu gehören als Strahl seines Lichtes, als Zweig an seinem Stamm, als Glied an seinem Leib, das bedeutet immer auch, mit den anderen Strahlen, Zweigen und Gliedern verbunden zu sein und damit zu dieser lebendigen Einheit zu gehören, die die Kirche bildet.

Hier nun ist eine Demo-Version für die katholische Kirche in Österreich. Dort findet sich das Lied erstmals im Österreichteil des Gebet- und Gesangbuches Gotteslob von 2013:

Die Melodie stammt vom schwedischen Komponisten Olle Widestrand (1932-2018), der als Schul- und Kirchenmusiker in Jönköping tätig war. Sie bewegt sich im „Aufstrahlen“ der ersten Liedzeile zunächst nur im Quintraum und kehrt zum Ende dieser Zeile wieder an den Ausgangspunkt zurück. Die zweite Liedzeile hat mit den längeren Notenwerten einen bestätigenden Charakter. Damit wird das Gemeinsame der Aussage „unser Licht“, „unser Stamm“, „Liebe schenkt uns“ oder „wir sind Glieder Christi“ unterstrichen. Die dritte Melodiezeile schwingt sich zum höchsten Ton der Melodie auf, ist aber im Rhythmus der ersten Zeile gleichgestaltet, sodass man sie sich leichter merken kann. Die Melodie schließt in der letzten Zeile mit einem kleinen Bogen. Wiederum gelten die langen Notenwerten dem Gemeinsamen und der Einheit in Christus.

Zum Schluss noch eine Version aus einem Konzert, wie sie in Schweden gerne vorkommt:

Pastorin Esther Handschin

Bild von Michael Gaida auf Pixabay