Liedandacht zu EM 249

Nachdem jüngeren Menschen aus unserer Kirche, die zu Pfingsten in der Regel am Pfingstjugendtreffen teilnehmen, die üblichen Pfingstlieder nicht so bekannt sind, ergreife ich die Gelegenheit, eines der ältesten Lieder aus dem Gesangbuch aufzugreifen und vorzustellen.

Das auf den alten Hymnus „Veni, creator Spiritus“ zurückgehende Lied „Komm, Heilger Geist, der Leben schafft“ gehört – obwohl auf eine jahrhundertealte Tradition und eine enorme kirchenmusikalische Wirkungsgeschichte zurückblickend – auch nicht zu den in methodistischen Gemeinden oft gesungenen Pfingstliedern. Es hat seinen „Sitz im Leben“ auch nicht unbedingt zu Pfingsten, sondern zu den Anlässen, wo Gottes Geist angerufen wird, um bei den Menschen im kirchlichen Dienst und in ihren Beratungen gegenwärtig zu sein: auf Synoden und vielleicht auch bei der Jährlichen Konferenz, bei Ordinationen und Bischofsweihen, ja bis hin zu einem Konklave anlässlich einer Papstwahl.

Hier die Fassung, wie sie zu Beginn des Konklaves zur Wahl von Papst Franziskus am 12. März 2013 in der sixtinischen Kapelle erklungen ist, im Wechsel gesungen zwischen den Kardinälen und dem Chor:

Der lateinische Hymnus wird dem benediktinischen Mönch, dann Abt von Fulda und späteren Erzbischof von Mainz (*um 860 bis 856) zugeschrieben. Da im Mittelalter und später in der katholischen Tradition wenig wert auf die Überlieferung der Autorschaft gelegt wurde, lässt sich das aber nicht so genau sagen. Aber immerhin war Hrabanus Maurus wesentlich daran beteiligt, dass dieser Hymnus weiter überliefert wurde. Der Romanist und Rhetoriker Heinrich Lausberg (1912-1992) meint, den Anlass für die Abfassung des Hymnus zu kennen: das Konzil zu Aachen im Jahr 809. Karl der Große (*747 oder 748 bis 814) hatte diese Synode einberufen, um den schon auf dem Konzil von Toledo 589 beschlossenen Zusatz „filioque“ zum nicäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis (Gesangbuch Nr. 770) im karolingischen Reich bekannt zu machen. Es ging um die Frage, ob der Heilige Geist nur aus dem Vater hervorgeht oder auch aus dem Sohn. Da heißt es: „Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater [und dem Sohn] hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird …“ In der westlichen Tradition des Christentums hielt man diesen Zusatz für notwendig, um die Gottheit Jesu zu stärken. In den östlichen (orthodoxen und orientalischen) Kirchen wird dieser Zusatz bis heute abgelehnt und es hat im Lauf der Kirchengeschichte viele Auseinandersetzungen deswegen gegeben. Heute ist es üblich geworden, das „filioque“ beim Sprechen des „großen“ Glaubensbekenntnisses in den ökumenischen Gottesdiensten wegzulassen, wo Vertreter der Ostkirchen mit beteiligt sind.

In der sechsten Strophe des Hymnus dichtet Hrabanus Maurus – es quasi auf den Punkt bringend – nachdem er in den vorhergehenden Strophen die verschiedenen Aspekte des Heiligen Geistes angeführt hat: „Per te sciamus, da, patrem / noscamus atque filium, / te utriusque spiritum / credamus omni tempore.“ In Übersetzung: „Gib, dass wir durch dich um den Vater wissen / und auch den Sohn erkennen, / und dich, Geistes eines jeden von beiden, / glauben zu aller Zeit.“ Die lateinischen Hauptverben „scire“, „noscere“ und „credere“ bilden dabei eine Steigerung: wissen, erkennen und glauben.

Hier der gregorianische Hymnus in Choralnotation mit vier Notenzeilen und dem lateinischen Text:

Der lateinische Hymnus beschreibt in den ersten drei Strophen das Wesen des Geistes: Er erfüllt die Menschen mit Gnade (Str. 1), er ist der Tröster und Gottes Gabe, Quelle, Feuer, Liebe und Salbung (Str. 2) und er zeigt uns als Finger Gottes, was wir tun und reden sollen (Str. 3). In der dritten Strophe wird der Geist auch die „siebenfache Gabe“ genannt, womit auf Jesaja 11,2 Bezug genommen wird: „Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.“ In der zweiten Hälfte des Hymnus erfolgen in den Strophen 4 bis 6 direkte Bitten an den Heiligen Geist: Licht soll entzündet, Liebe ausgegossen und Schwaches gestärkt werden (Str. 4), der Feind soll vertrieben und Frieden geschenkt werden (Str. 5) sodass wir den Vater und den Sohn kennen (Str. 6). Eine letzte doxologische Strophe zum Lob des dreieinen Gottes rundet den Hymnus ab.

In der Reformationszeit bestand die Notwendigkeit nach Liedern, die die Gemeinde in deutscher Sprache singen konnte. So fertigte Martin Luther (1483-1546) für das Gesangbüchlein „Enchiridion“ (= Handbüchlein), das 1524 in Erfurt erschien, eine Übersetzung des Hymnus an: „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist“. Mit dieser ersten Zeile (im Fachjargon „Incipit“ genannt“) bleibt er sehr nah am lateinischen Original und unterstreicht damit das schöpferische des Geistes. Aber Luther nimmt einige Veränderungen vor: die Strophe 3 und 4 sind umgestellt (das mag auch an einer anderen lateinischen Vorlage gelegen haben), die gregorianische Choralmelodie wird vereinfacht, die letzte Zeile ist um eine Silbe gekürzt. Da zur Zeit von Martin Luther die genauen Regeln der deutschen Dichtkunst noch nicht festgelegt waren, klingt diese Übersetzung in unseren Ohren unbeholfen. Wort- und Versakzent stimmen nicht überein, was das Gefühl erzeugt, dass Rhythmus „wackelt“, manche Silben sind weggekürzt („teu’r“, Str. 2, „Gott’s“ Str. 4, „Fried“ Str. 5). Das hat dazu geführt, dass das Lied seit 2019 seinen Platz als Wochenlied zum Sonntag Trinitatis (Sonntag nach Pfingsten) verloren hat. Es wurde wohl in den Gottesdiensten lutherischer Gemeinden kaum mehr gesungen.

Dennoch hat insbesondere die Melodie in den folgenden Jahrhunderten eine große Wirkungsgeschichte in der Orgel- und Chorliteratur entfaltet bis hin zur Verwendung im ersten Satz von Gustav Mahlers 8. Symphonie.

Hier eine Bearbeitung von Johann Sebastian Bach in den Leipziger Chorälen:

Auf katholischer Seite wurde die Übersetzung von Heinrich Bone (1813-1893) wirksam. Der Gymnasiallehrer schuf eine ganze Reihe von Übersetzungen lateinischer Hymnen und weitere Dichtungen, die in katholischen Gesangbüchern des 19. und 20. Jahrhunderts zu finden sind. Seiner Übersetzung „Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein“ von 1847 wurde 1868 eine beliebte, eher volkstümlich Melodie beigegeben, die 1741 in Köln belegt ist, so im „Gotteslob 2013“ unter der Nummer 351 zu finden.

Hier eine Aufnahme von 2016 aus dem Salzburger Dom anlässlich der Messe am Pfingstsonntag, die von vielen Jugendlichen beim Loretto-Pfingstjugendtreffen besucht wurde:

Ins Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche von 2002 wurde die Übertragung von Friedrich Dörr (1908-1993) aus dem Jahr 1969 aufgenommen. Sie lag im katholischen „Gotteslob 1975“ mit 7 Strophen vor, für das „Gotteslob 2013“ wurde die letzte Strophe weggelassen. Allerdings wurde die Melodie nach der Lutherfassung wie im Gesangbuch von 1969 belassen. 

Hier die Textfassung Dörr mit der Melodie nach „Gotteslob 2013“:

Die Textfassung aus dem methodistischen Gesangbuch von 1969 geht übrigens auf den Schweizer Theologen Abraham Emanuel Fröhlich (1796-1865) zurück, der diese für das Aargauer Gesangbuch von 1844 geschaffen hat. Sie ist – etwas überarbeitet – im Reformierten Gesangbuch der Schweiz unter der Nummer 499 zu finden und hat eine, wohl von der politischen Tradition der Schweiz beeinflusste 6. Strophe: „Aus deiner Gnaden lautrem Quell / schenk unsern Herzen Freude hell. / Der Zwietracht Bande lös zur Stund, / schließ uns in deines Friedens Bund.“

Als letzte Übersetzung sei diejenige vom Schweizer Hymnologen Markus Jenny (1924-2001) von 1971 erwähnt. Sie ist diejenige, die von der Arbeitsgemeinschaft für ökumenisches Liedgut mit dem „ö“-Zeichen ausgestattet wurde. „Komm, allgewaltig heilger Hauch“ ist allerdings nur noch in den Schweizer Gesangbüchern (reformiert und katholisch) zu finden, da sie im „Gotteslob 2013“ (im Gegensatz zum „Gotteslob 1975“) gestrichen wurde.

Alle diese im Umlauf befindlichen Übersetzungen des alten lateinischen Hymnus haben der ökumenisch problematischen Aussage, dass der Geist auch aus dem Sohn hervorgeht, die Spitze genommen. Nur bei Luther und Bone ist noch die Rede von „beider Geist“ (also vom Vater und vom Sohn). Allerdings kann dies auch anders verstanden werden: Der Geist geht vom Vater aus, ist aber als von Jesus Christus geprägter Geist erkennbar., ohne dabei eine Aussage über die Herkunft des Geistes zu machen.

So diente das Lied zum Einzug anlässlich des viel beachteten Versöhnungsgottesdienstes im Reformationsjahr vom 14. Juni 2017 in Hildesheim zum Einzug, wo auch ein Vertreter der orthodoxen Kirche anwesend war:

Pastorin Esther Handschin

Bild von falco auf Pixabay