Liedandacht zu EM 44

Am vergangenen Sonntag haben wir den Sonntag Trinitatis gefeiert. Das Geheimnis, dass Gott uns in dreifacher und damit vielfältiger Weise begegnet, steht inhaltlich am Sonntag nach Pfingsten im Mittelpunkt. Es geht um das Lob zu Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist.

Im Gesangbuch ist die erste große Rubrik überschrieben mit „Das Lob des dreieinigen Gottes“. Viele Lieder der Nr. 1-98 schließen entweder mit einer trinitarischen Lobstrophe ab oder machen das Lob des dreieinen Gottes zum Thema, wie z.B. Nr. 46 „Sonne und Mond, Wasser und Wind“.

Dazu gehört auch das Lied „Brunn alles Heils, dich ehren wir“. Der Text stammt von Gerhard Tersteegen (1697-1769), einem reformierten Laienprediger und Schriftsteller. Bekannter als das genannte Lied sind von ihm die Texte von „Gott ist gegenwärtig“ (Nr. 337), ein Lied, das aufgrund seiner Anklänge an die Mystik nicht nur von Charismatikern geschätzt wird, die vor allem vom Stichwort der „Anbetung“ in der ersten Strophe angetan sind. Bekanntheit hat ebenfalls Tersteegens Text „Ich bete an die Macht der Liebe“ (Nr. 123) erlangt, im säkularen Bereich allerdings mehr aufgrund dessen, dass die Melodie von Dimitrij Bortnjanskij (1751-1825) bei einem Teil des Großen Zapfenstreiches der Deutschen Bundeswehr gespielt wird.

Einerseits ist es die Trinität Gottes, die den mittleren Teil des Liedes strukturiert. Str. 2 erzählt vom Herrn, dem Schöpfer, Str. 3 vom Herrn, dem Heiland und Str. 4 vom Herrn, dem Tröster, der über uns schweben möge, was ein Hinweis auf Gottes Geist ist. Erst die fünfte Strophe nennt die drei göttlichen Personen in der sonst üblichen Weise als „Gott, Vater, Sohn und Heilger Geist“.

Andererseits gibt es noch ein zweites Strukturelement, das dieses Lied durchzieht. Es ist der sogenannte aaronitische Segen aus 4. Mose 6,24-26: „Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Jeder der Mittelstrophen ist ein Abschnitt dieses Segens zugeordnet und fast wörtlich übernommen, wobei aber die Sprechrichtung geändert wird. Der Segen wird nicht einer einzelnen Person zugesprochen, wie im biblischen Text, sondern die Gemeinde ruft den Segen Gottes auf sich herab. Str. 2: „… er segne uns nach Seel und Leib / und uns behüte seine Macht …“; Str. 3 „… uns leuchten lass sein Angesicht, / … / dass er uns ewig gnädig sei.“; Str. 4: „… sein Antlitz über uns erheb, / … / und geb uns Frieden unverrückt.“

Das entspricht ganz der Überschrift, die Tersteegen in seinem „Geistlichen Blumengärtlein“ von 1745 dem Lied gegeben hat: „Der Segen über Gottes volk. (Aus 4. Mos. 6,24-27)“ Dazu macht er noch folgende „Gebrauchsanweisung“: „Morgens, abends, bei Tisch, nach der Predigt und zu aller Zeit gläubig zu beten.“ Das ist quasi die Ausführung von 4. Mose 6,27: „Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“

Die Zuordnung je einer göttlichen Person zu einem Abschnitt des aaronitischen Segens ist eine Auslegung und Aneignung aus der christlichen Tradition. Tersteegen führt das in den drei Mittelstrophen noch etwas genauer aus. Gott als der Schöpfer sorgt für uns, sodass uns an nichts fehlt („Seel und Leib“) und er behütet uns vor allem Übel, sowohl am Tag als auch in der Nacht. (Str. 2 mit Anklängen an Psalm 121,6+7). Gott als der Heiland ist unser Licht: in Jesus sehen wir Gott selbst, er macht uns frei zum Glauben („dass wir ihn schaun und glauben frei“, Str. 3). Gott, der Tröster, schwebt wie Gottes Geist am Anfang der Schöpfung über uns. Wir sind nach Gottes Ebenbild geschaffen und Gottes Geist sorgt dafür, dass wir diese Ebenbildlichkeit nicht verlieren („dass uns sein Bild werd eingedrückt“, Str. 4).

Hier eine Fassung des Liedes mit guter Textverständlichkeit:

Die Rahmenstrophen 1 und 5 bereiten die Bitte um den Segen vor und runden das Lied ab. Um den Segen bitten die jeweiligen Schlusszeilen: „dein hoher Segen auf uns komm!“  (Str. 1) und „mach uns deins Lobs und Segens voll!“ (Str. 5). Geprägt sind diese beiden Strophen vom Bild des Brunnens, aus dem wir wie mit Wasser von Gottes Segen übergossen werden: „Brunn alles Heils“ lautet die Anrede an Gott in der ersten Strophe. Mit „O Segensbrunn, der ewig fließt: Durchfließ Herz, Sinn und Wandel wohl“ wird für das ganze Leben um Gottes Segen gebeten. Trotz der trinitarischen Anklänge in den Strophen 2 bis 4 wird die klassische christliche Formel dazu erst am Beginn der letzten Strophe explizit aufgegriffen: „Gott, Vater, Sohn und Heilger Geist“.

Hier erklingt das Lied anlässlich des Reformationsgottesdienstes in der Wittenberger Schlosskirche im Jahr 2017 begleitet mit einer reichen musikalischen Ausgestaltung von Orgel, Bläsern, Chor und Gemeinde:

Der Text dieses Liedes ist erst seit 1928 mit dieser Melodie verbunden, obwohl die Melodie so wie der Dichter aus der reformierten Tradition kommen. Sie stammt von Loys Bourgeois (um 1510-1561), der zum Autorenkollektiv gehört, das am sogenannten „Genfer Psalter“ mitgearbeitet hat. Die Genfer Reformation hatte sich entschieden, im Gottesdienst nur biblische Texte aus den Psalmen und Übertragungen einiger weniger anderer biblischer Text wie den Zehn Geboten zu singen. Die Anregung zu Psalmliedern bekam der Genfer Reformator Jean Calvin (1507-1564) in Straßburg, wo er einige Jahre als Flüchtlingspfarrer tätig war. Clément Marot (um 1496 bis um 1544) und nach dessen Tod Théodore de Bèze (1519-1605) übertrugen die Psalmen auf Französisch und in gereimter Form. Die Melodien können Loys Bourgeois, Guillaume Franc (um 1505-1570) und Pierre Davantès (um 1525-1561) zugeordnet werden. Nach mehreren Auflagen, die jeweils erweitert wurden, erschien der Genfer Psalter schließlich 1562 komplett und erfuhr eine europaweite Verbreitung.

In den Ländern, wo die Reformation der Genfer reformierten Tradition wirksam wurde, wurden die Psalmmelodien aus Genf übernommen und die Texte in die jeweilige Landessprache übersetzt. Ebenfalls eine wichtige Rolle in der weiteren Verbreitung des Genfer Psalters spielten die vierstimmigen Sätze von Claude Goudimel (um 1514-1572). Wie damals üblich lag die Melodiestimme nicht im Sopran, sondern im Tenor. Das ist gut zu hören auf der folgenden Aufnahme, 2. Strophe:

Die Melodie ist im Genfer Psalter Psalm 134 zugeordnet. Dies ist der letzte Psalm aus der Sammlung der Wallfahrtspsalmen (120-134), die alle relativ kurz sind. Der französische Originaltitel lautet „Or sus, serviteurs du Seigneur“, gedichtet von Théodore de Bèze. Bei Ambrosius Lobwasser (1515-1585), der den ganzen Genfer Psalter auf deutsch übersetzte und 1573 herausgab, lautet die erste Zeile „Ihr Knecht des Herren allzugleich“.  Da die Psalmen des sogenannten „Lobwasser-Psalter“ später sprachlich nicht genügten (sie sind vor der deutschen Sprachreform entstanden), wurden sie später nachgedichtet. In Deutschland wurden die Übertragungen von Matthias Jorissen (1739-1823) maßgeblich. Seine erste Liedzeile lautet „Lobt Gott, den Herrn der Herrlichkeit“ (Evangelisches Gesangbuch 300). Im Reformierten Gesangbuch der Schweiz ist eine seit 1841 übliche Textfassung aus Schaffhausen „Ihr Knechte Gottes allzugleich“ (Nr. 89) verwendet. Sie wurde früher gerne bei Ordinationen von Pfarrern gesungen. Seit der Einführung der Frauenordination ist das mit den „Knechten“ etwas schwierig geworden. Doch auch in Ungarn oder den Niederlanden (also Länder, wo die reformierte Reformation sich durchsetzte) kennt man diese Melodie gut, wie dieses Beispiel aus einem Gottesdienst an der niederländisch-deutschen Grenze zeigt, wo die erste und dritte auf niederländisch und die mittlere Strophe auf deutsch gesungen wird:

Im englischsprachigen Raum trägt die Melodie den Namen OLD 100TH. Protestantische englische Glaubensflüchtlinge, die während der Regierungszeit von Königin Maria I. Tudor (Mary the Bloody) 1553-1558 nach Genf geflüchtet waren, brachten die Melodien des Genfer Psalters und die Tradition des Psalmensingens mit ihrer Rückkehr nach 1558 nach England mit. Die Melodie wurde im älteren Psalter Psalms of David in Englishe Metre, by Thomas Sternehold and others 1561 dem 100. Psalm zugeordnet, daher der Name („the Old“ im Gegensatz zur neueren Psalmenübertragung von Tate and Brady von 1696). Verfasst hat diesen 100. Psalm William Kethe (†1594). So klingt dieses Lied „All people that on earth do dwell“, wobei die Schlusszeile im 18. Jahrhundert rhythmisch verändert und dem Rhythmus der anderen Zeilen angepasst wurde:

Die Aufnahme ist aus der Westminster Abbey zum 60. Thronjubiläum von Queen Elizabeth II., bei deren Krönung ebenfalls schon dieses Arrangement von Ralph Vaughan Williams (1872-1958) erklungen ist.

Die Melodie wurde im methodistischen Gesangbuch von 1969 sieben verschiedenen Texten zugeordnet. Ähnlich sieht es im Evangelischen Gesangbuch und im Reformierten Gesangbuch der Schweiz mit je fünf Texten aus. Im lutherischen Raum wurde die Melodie schon früh für ein Lied über die Engel zum Michaelistag am 29. September verwendet: „Herr Gott, dich loben alle wir“. Der ursprünglich lateinische Text stammt von Philipp Melanchthon (1497-1560), dem engen Mitarbeiter von Martin Luther an der Universität Wittenberg, und lautete „Dicimus grates tibi“. Ins Deutsche übersetzt hat das Lied Paul Eber (1511-1569), der unter anderem an der Stadtkirche von Wittenberg Prediger war. Zu diesem Text hat Johann Sebastian Bach die Melodie in der Kantate BWV 130 verarbeitet (in isorhythmischer Form, das heißt alle Notenwerte sind gleich). Außerdem gibt es viele Orgelwerke (Choralvorspiele) über diese Melodie.

Im heutigen Evangelischen Gesangbuch wurde diese Textfassung des Engelliedes zu Michaeli aufgegeben, zugunsten des neu gedichteten Textes „Gott, alle Schöpfer, heilger Herr“ (EG 142) von Ernst Hofmann von 1971. Da dieselbe Fassung ins neue Gotteslob (Nr. 539) übernommen wurde, trägt es nun das ö-Zeichen für „ökumenisches Liedgut“. Die Melodie liegt im Tenor. Am Ende der dritten Strophe ist ein etwas gelangweilter Engel zu sehen:

Wie kommt es, dass eine Melodie eine so große „Karriere“ hinlegt und für so viele Texte verwendet wird, zumal es zu diesem Versmaß, der klassischen Hymnenstrophe (4 Zeilen à 8 Silben), unzählige andere Melodien gibt? Ein genauerer Blick auf die Melodie lohnt sich, denn sie ist ein kleines Kunstwerk in sich. Gute Melodien für den Gemeindegesang sind so gebaut, dass es einerseits genug Elemente gibt, die sich wiederholen, damit man sich die Melodie leicht merken kann. Andererseits braucht es aber genug Abwechslung, damit sich die Melodie nicht absingt. Das Hauptelement der Melodie zu Psalm 134 besteht aus drei Noten, die auf der Tonleiter einander folgen, also vom Grundton in die Terz aufsteigen. Dieses Element nennt sich in der Fachsprache „Terzgang“. Dieser Terzgang kommt sowohl aufsteigend als auch fallend, sowohl in Viertelnoten als auch in Halben vor. Darüber hinaus bilden die Schlusstöne der ersten drei Melodiezeilen noch einmal einen fallenden Terzgang. Nur die letzte Zeile sticht durch ihre Andersartigkeit heraus: Sie hat ein anderes rhythmisches Pattern (im englischen Sprachraum angepasst), sie enthält den Spitzenton der Melodie und sie beginnt mit einem Dreiklang. Die Geschlossenheit der Melodie wird weiters noch dadurch unterstrichen, dass die Töne der Zeilenanfänge ebenfalls aus dem Grunddreiklang gebildet sind.

Vielen im englischsprachigen Raum ist die Melodie OLD HUNDREDTH als „the Doxology“ (als ob es keine andere gäbe) bekannt. Mit einer trinitarisch-doxologischen abschließenden Liedstrophe des Abendliedes „All praise to thee, my God, this night“ von Thomas Ken (1637-1711) versehen, wurde und wird „the Doxology“ in vielen Gottesdiensten als Schlussstrophe verwendet, für gelangweilte Kinder das Signal, dass der Gottesdienst endlich zu Ende ist. Der englische und deutsche Text ist unter Nr. 505 im Gesangbuch zu finden. Die Melodie folgt der im deutschsprachigen Raum bekannten Version, was leicht Verwirrung stiftet, wenn deutsch- und englischsprachige Methodist*innen miteinander Gottesdienst feiern.

Hier die englische rhythmisch angeglichene Fassung, mit Text und Noten:

Hier eine interessante Acapella-Version:

Oder eine für Bläser:

Und schließlich in einer vom Gospel angehauchten Fassung:

Pastorin Esther Handschin

Bild von Tama66 auf Pixabay