Liedandacht zu EM 567

Seit dem Jahr 2001 wird der vom UNHCR ausgerufene Weltflüchtlingstag am 20. Juni begangen. Es ist zugleich der Gründungstag des UNO-Flüchtlingshilfswerks. Am Sonntag davor oder danach wird in den Kirchen besonders für das Schicksal von Flüchtlingen gebetet.

Entgegen der Wahrnehmung vieler Europäer gehören die europäischen Länder nicht zu den Hauptaufnahmeländern von Flüchtlingen. Es sind dies vielmehr Pakistan, der Iran, der Libanon oder die Zentralafrikanische Republik. Die Menschen suchen meist in der nächstgelegenen Region innerhalb des eigenen Landes, resp. im nächstgelegenen Land des Konfliktherdes Zuflucht, in der Hoffnung bald wieder in die Heimat zurückkehren zu können. So gibt es mehr Binnenvertriebene als Flüchtlinge. In der Regel werden diese nahe der Heimat gelegenen Aufenthaltsorte erst dann verlassen, wenn es gar nicht mehr anders geht. Ein Beispiel dafür war die Situation des Hungers in den Lagern für syrische Flüchtlinge, weil das UNHCR zu wenig finanzielle Mittel bekam, um die Menschen zu versorgen. So machten sie sich auf den Weg und es kam zur sogenannten „Flüchtlingswelle“ von 2015. Diese wurde vor allem verursacht durch Versäumnisse westlicher Staaten, die ihren finanziellen Zusagen an das UNHCR nicht nachgekommen sind oder die Mittel dafür gestrichen haben.

1982, als das oben genannte Lied entstanden ist, war davon noch keine Rede. Es ist auch nicht explizit ein Lied, das die Not von Flüchtlingen anspricht. Es geht zunächst um Fremde, seien sie nun aus ihrer Heimat geflohen wegen Krieg oder Verfolgung oder seien sie aufgrund anderer Ursachen aus ihren Heimatländern in andere Länder migriert. Die Erfahrungen, die Menschen aus beiden Gruppen machen, sind ähnlich. Sie sind fremd und müssen an einem neuen Ort von vorne Anfang. Es gilt, sich eine neue Existenz aufzubauen: Spracherwerb, Arbeitssuche, Integration und Aufbau von Beziehungen. Dies ist ein langer Prozess.

Im Jahr 1982 ging es vermutlich eher um Arbeitsmigrant*innen, die mit dem Wirtschaftsaufschwung und der Hochkonjunktur ab Mitte der 60er Jahre nach Westeuropa und nach Deutschland kamen. Rolf Schweizer (1936-2016), ein Kirchenmusiker aus der badischen Landeskirche dichtete und komponierte dieses Lied und nahm sich damit des Themas an. 

Jede Strophe beginnt mit der gleichen Aussage: „Damit aus Fremden Freunde werden“. Im Stabreim mit dem gleichen Anlaut Fremde/Freunde wird zugleich die Veränderung im Status der Beziehung angedeutet: Fremde können zu Freunden werden, wenn man mit ihnen Kontakt aufnimmt, sich mit ihrer Geschichte beschäftigt und auf sie eingeht.

Schweizer, der von Haus aus kein Theologe sondern Musiker war, bettet diese Veränderung in die Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen ein. Ohne dass Gott je beim Namen genannt wird, richtet sich das Lied mit „Du“ an das göttliche Gegenüber. Dass Gott im christlichen Verständnis gemeint ist, wird im Lauf des Liedes durch die genannten Ereignisse mehr und mehr ersichtlich. Diesem „Du“ ist in jeder Strophe ein „Wir“ oder besser ein „Uns“ gegenüber gestellt. Die Heilsgeschichte Gottes steht nicht für sich selbst, sondern immer in Beziehung zu uns Menschen.

In Strophe 1 ist die Menschwerdung Gottes angesprochen: „kommst du als Mensch in unsre Zeit“. Damit aus Fremden Freunde werden, begibt sich Gott selbst in menschlicher Gestalt in diese Zeit und Welt. Er geht an Leid und Armut nicht vorbei, sondern lebt in Jesus so wie wir. Die erste Strophe endet in der letzten Textzeile wieder mit einer Begründung: Gott hat seinen Weg zu den Menschen gewählt, „damit die Botschaft uns erreicht“. Wir Menschen verstehen Gott erst dann, wenn er uns selbst als Mensch auf Augenhöhe begegnet.

Wie nahe uns Gott auf diese Weise kommt, beschreibt Strophe 2: Gott geht als unser Bruder durch das Land. Wo wir anderen Menschen begegnen, sehen wir in ihrem Antlitz Gott selbst. Gleich zu Beginn der Bibel heißt es, dass wir Menschen nach Gottes Ebenbild geschaffen sind. Alle Menschen stammen von demselben Menschenpaar, Adam und Eva, ab. Von daher dürfte es keinen Rassismus geben, denn alle Menschen sind einander Schwestern und Brüder und Gott begegnet uns in allen Rassen. Das ist ein Zeichen der Menschenfreundlichkeit Gottes.

Strophe 3 geht auf den Weg Jesu ein. Er wurde am Kreuz hingerichtet. Christinnen und Christen deuten diesen Tod als gelebte Liebe. Das ist ein neuer Weg des Friedens und der Versöhnung. Und zugleich ist dieser gewaltlose Weg ein Beispiel, „Auftrag und Gebot“, wie Rolf Schweizer dichtet. Diese Strophe ist dem Frieden gewidmet. Es folgen zwei weitere Strophen, eine zur Gerechtigkeit und eine zur Bewahrung der Schöpfung.

Wir werden von Gott beschenkt, erzählt uns die vierte Strophe, mit Lebensglück und Brot. Gottes Hilfe zur Rettung der Menschen vor dem Hunger liegt in den Gütern und Gaben, die er uns anvertraut. Die Frage, die indirekt an uns gerichtet wird, das ist diejenige, ob wir auch fähig sind, diese Güter gerecht miteinander zu teilen.

Dies kann nur gelingen, wenn wir mit der Erde, Gottes Schöpfung achtsam und klug umgehen. Die Schöpfung ist uns anvertraut, dichtet Rolf Schweizer in der fünften Strophe. Um diese Erde zu bewahren, sind wir auf Gottes Hilfe angewiesen und wir dürfen nicht vergessen, dass wir selbst von dieser Erde genommen sind und als Staub zu ihr zurückkehren. Gott hat uns nach seinem Ebenbild geformt.

Das Lied schließt mit einer Strophe zur Einheit und Einigkeit der Kirchen und der Menschen. Sie haben Gottes Geist als Gabe erhalten, um die Grenzen zwischen den Völkern zu überwinden und mit der Vielfalt und Unterschiedlichkeit zurecht zu kommen.

Dass das Lied die Grenzen der Völker überwunden hat, ist hier zu hören: 

Rolf Schweizer hat mit diesem Lied die Themen Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung in einem kirchlichen Kontext angesprochen, noch bevor diese vom Weltkirchenrat auf seiner 6. Vollversammlung in Vancouver 1983 zum Thema gemacht worden sind. Der dortige Vorschlag zu einem Friedenskonzil wurde von einem Delegierten aus der DDR ausgesprochen. Carl Friedrich von Weizsäcker (1912-2007) hat dann beim Deutschen Evangelischen Kirchentag von 1985 den Konziliaren Prozess angestoßen, der zu den drei Europäischen Ökumenischen Versammlungen 1989 in Basel, 1997 in Graz und 2007 in Sibiu geführt hat. Sie nahmen das Anliegen der Kirchen für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einzutreten auf.

Nicht nur dieser dichte und kompakte Text stammt von Rolf Schweizer. Als Musiker war es ihm ein leichtes, eine passende Melodie dazu zu komponieren. Er hat dafür einen schwingende 6/4-Takt gewählt. Die erste und dritte Melodiezeile sind – bis auf den Anfang einander gleich gestaltet und auch die zweite und vierte Melodiezeile enthalten mit dem vollen dritten und siebten Takt das gleiche Tonmaterial.

Auch der Satz zu diesem Lied in unserem Gesangbuch stammt von Rolf Schweizer. Er war einiger der wenigen Komponisten, dem man die grundlegenden Vorgaben für die Sätze des Gesangbuchausschusses geben konnte und der sie problemlos erfüllt hat: 1. soll der Satz Freude machen, um ihn vierstimmig zu singen; 2. darf er für Tastenspieler (Orgel oder Klavier) nicht zu schwer sein, sodass er auch von Laien gespielt werden kann; 3. muss der Satz so gestaltet sein, dass er von einem Bläserchor gespielt werden kann. Rolf Schweizer hat seine musikalische Laufbahn als Kind in einem dörflichen Blasmusikverein begonnen. Auf der Kirchenmusikschule wurde er als Kantor im Orgelspiel und in der Chorleitung ausgebildet. Dass er dazu auch noch theologisch tiefgreifende Texte verfasst hat, zeugt von seiner vielfältigen Begabung. „Die Wahrheit einer Kunst liegt nicht allein in deren perfekter Virtuosität, sondern in ihrer geistigen, handwerklichen und und humanen Redlichkeit“, so Rolf Schweizer.

Ein großes Anliegen war Rolf Schweizer die Chorarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Er verstand Kirchenmusik immer auch als Mittel zum Aufbau der Gemeinde. Daraus ist das Lied EM 18 zu Psalm 92 „Das ist ein köstlich Ding dem Herren danken“ entstanden. Er hat es 1966 für den Jugendchor und die Jugendgottesdienste an seiner damaligen Dienststelle in Mannheim geschrieben. Der Text folgt den Psalmversen 2-6 und 13-16 in der Version von Luthers Bibelübersetzung. Weder Refrain noch Strophen sind gereimt. Der Rhythmus folgt weitestgehend dem Duktus der Sprache, ist also eine Art Sprechgesang. In den musikalischen Stilmitteln klingt der Jazz an. Der Dominantseptakkord spielt dabei eine besondere Rolle. Das Lied gehört damit zu den frühen Beispielen des Neuen geistlichen Liedes, die ab Mitte der 60er die Kirchen erobert haben. Hier eine instrumentale Kostprobe:

Welchen Spaß Jugendliche mit diesem Lied haben, zeigt diese Aufnahme eines Chorjugendtreffens der Neuapostolischen Kirche, die eine besondere Aufmerksamkeit in die Chorarbeit legt. Die Melodie liegt im Refrain in der Altstimme und ist nicht immer leicht herauszuhören. In den Strophen wechseln Männer- und Frauenstimmen in der Melodieführung ab:

In dieser Version liegt die Melodie im Refrain bei den Männern. Sie zeugt vom Komponisten Rolf Schweizer, der für die unterschiedlichsten Schwierigkeitsgrade zu komponieren verstand, sodass Kinder und Jugendliche auf ihrer Stufe jeweils herausgefordert und gefördert wurden:

Pastorin Esther Handschin

Bild von Martin Obermeir-Siegrist (Barcelona).