Liedandacht zu EM 381

Zu diesem Lied hätte ich gerne ganz zu Beginn der Corona-Krise eine Betrachtung geschrieben. Es greift für mich die damalige Stimmung auf wie kaum in anderer Liedtext. Da geschieht etwas, von dem ich ahne, dass es mein Leben erheblich verändern wird. Aber ich weiß noch nicht wie. Es bricht plötzlich über mich herein. Im Fall der Pandemie ist für die meisten zwar nicht „der Leib vom Schmerz vergiftet“. Aber man fragt sich schon, „wie das Leben doch“ gelingen kann, wenn man von vielem, was bisher das Leben ausgemacht hat, abgeschnitten wird. Die in diesem Lied beschriebenen Bilder und Worte waren mir immer wieder einmal eine Hilfe, wenn mich eine überraschende Situation sprachlos gemacht hat.

Um dieses Lied nicht nur zu beschreiben, sondern auch hörbar zu machen, mussten erst rechtliche Fragen geklärt werden. Und das hat gedauert. Ich danke an dieser Stelle Frau Seitz von Gerth Medien für die Vermittlung und der Sängerin Nozomi Yoshizawa und dem Gitarristen Gabriel Marcondez für ihre Bereitschaft eine Aufnahme zu machen.

So also klingt das Lied:

Wenn ein Schatten unser Leben trifft
Originaltitel: When Our Lives Know Sudden Shadow
Text: Shirley Erena Murray
Dt. Text: Hartmut Handt
Musik: Carlton Raymond Young
© Hope Publishing Company
Für D,A,CH: Small Stone Media Germany GmbH
Nozomi Yoshizawa (Gesang) und Gabriel Marcondez (Gitarre)

Nebst dem Corona-Virus gibt es noch viele andere Viren, die den Menschen das Leben schwer machen. Für manche wie die Grippeviren oder Masern gibt es eine Impfung, sodass wir uns dagegen schützen können. Andere Viren wie Ebola übertragen sich nur schwer in unseren Breitengraden. Oder der Übertragungsweg verläuft in einer Weise, die besser zu kontrollieren ist als über die Atemwege wie bei Corona. Ich denke dabei an HIV-AIDS. Dieses Virus und die damit verbundene Stigmatisierung der Menschen, die daran erkrankt sind, bilden den Hintergrund zu unserem Lied.

Shirley Erena Murray (1931-2020), die Ende Jänner dieses Jahres verstorben ist, ist in einer methodistischen Familie in Neuseeland aufgewachsen. Sie heiratete den presbyterianischen Pfarrer John Murray, der lange Jahre in der Pfarrgemeinde St. John in Wellington wirkte. Diese Gemeinde ist der Ort, wo die meisten ihrer Texte ein erstes Mal erklungen sind. Eines davon ist das Weihnachtslied EM 188 „Stern-Kind, Erd-Kind“, das ebenfalls in unserem Gesangbuch zu finden ist. Wer wie die Christ*innen in Neuseeland Weihnachten bei sommerlichen Temperaturen feiert, kann nicht von kalten Winternächten singen, in denen das Kind in der Krippe vom Atem von Ochs und Esel gewärmt wird. So hat Murray einmal gedichtet:

Carol our Christmas, an upside down Christmas,
snow is not falling and trees are not bare.
Carol the summer and welcome the Christ Child,
warm in our sunshine und sweetness of air.

Die Lieder von Murray haben oft ganz andere Zugänge als wir sie sonst kennen. Was sie insgesamt auszeichnet – zeitgenössische Themen mit einem oft säkularen Ansatz, eine inklusive Sprache und eine durch die Natur oder durch das häusliche Leben geprägte Bildsprache  – das ist auch im „AIDS-Lied“ zu finden.

In Wellington wurde Anfang der 90er Jahre ein Gottesdienst im Gedenken an Verstorbene aufgrund von HIV-AIDS gefeiert. Dazu gehörte auch ein Mitglied der Gemeinde St. John. Murray musste feststellen, dass es kein Lied gab, das zum Ausdruck brachte, was Menschen mit HIV-AIDS an Einsamkeit und Stigmatisierung erlebten. So schrieb sie diesen Text, der hier auf Englisch zu finden ist.

Das Lied wurde unter anderem auf Spanisch und Koreanisch übersetzt. Die Übersetzung auf Deutsch stammt von Hartmut Handt (*1940), der viele Lieder für unser Gesangbuch übersetzt hat.

Die erste Strophe drückt die Fassungslosigkeit und Wut aus, die einem überkommt, wenn man mit der Diagnose einer unheilbaren Krankheit konfrontiert wird. Ein Schatten legt sich auf das Leben, der einen nicht mehr verlässt. Die Worte der deutschen Übersetzung lassen Düsteres anklingen: Schatten, Leiden, Schmerz, Klage, vergiften und schreien. Das passt nicht nur zu HIV-AIDS, das erinnert auch an andere Autoimmun- oder Krebserkrankungen.

In der zweiten Strophe wird ein starkes Bild aufgegriffen, das sich in den USA im Gedenken an HIV-AIDS-Opfer entwickelt hat. In den 80er Jahren, als vor allem Homosexuelle von dieser Krankheit betroffen waren und es noch keine wirkungsvolle medikamentöse Behandlung gab, wurden die Freunde und Lebensgefährten der Verstorbenen oft durch die Angehörigen vom Begräbnis ausgeschlossen. Das Projekt „AIDS Memorial Quilt“ war eine Möglichkeit, sich der Verstorbenen zu erinnern, indem eine Quiltdecke für sie angefertigt wurde. All diese Quilts werden im NAMES Project AIDS Memorial Quilt gesammelt und ausgestellt. Inzwischen sind es über 44.000 Erinnerungsstücke. So sieht ein Teil davon aus.

Wie viele Tränen wurden geweint, wenn wieder eine neue Quiltdecke entstanden ist? Die zweite Strophe lässt uns den Schmerz der Trauer erahnen.

Mit der dritten Strophe wendet sich das Lied an Gott. Schon die Anrede ist ungewöhnlich. Gott wird als „Freund der Angefochtnen“ bezeichnet. Damit erinnern wir uns an Geschichten von Begegnungen, die Jesus mit Menschen hatte, die keinen Platz in der damaligen Gesellschaft gefunden haben: die Frau am Jakobsbrunnen aus Johannes 4 oder die Ehebrecherin aus Johannes 8, der Zöllner Zachäus aus Lukas 19 oder der besessene Mann aus Gerasa aus Markus 5. Und vielleicht am naheliegendsten zur Krankheit HIV-AIDS (zumindest nach den Symptomen in den ersten Jahren des Auftretens): Menschen mit Aussatz.

Diese Strophe fragt nach unserem Anteil, wo wir zum Heil anderer Menschen wirken können, oder wie es im englischen Text heißt: „shine through us, divine compassion“. Außerdem wird eine Bitte geäußert, die wiederum ein biblisches Bild aufnimmt, das sich auf Jesus beziehen lässt: „Bau Gemeinschaften der Liebe aus verworfnen Steinen, Gott“. Das Zitat aus Psalm 118,22f: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Das ist vom HERRN geschehen und ist ein Wunder vor unser Augen.“ wird in den Evangelien (z.B. Matthäus 21,42) auf Jesus bezogen, ebenso in 1. Petrus 2,7 und Epheser 2,20.

Auch die letzte Strophe bleibt in ihrer Ausrichtung an Gott gewandt, der nun mit „Liebender“ angesprochen wird. Im Englischen heißt es sogar: „Only you, most holy Lover“. Hartmut Handt schreibt dazu im Werkbuch: „Eine besondere Frage stellte sich in der letzten Strophe: Sollte ich das Wort ‚Lover‘ übersetzen oder in dieser Form stehen lassen? In letztem Fall wäre die Beziehung des Textes zur Immunschwäche HIV noch deutlicher geworden. Ich entschied mich, es nicht zu tun, weil mir das zu vordergründig erschienen wäre. Es hätte außerdem die übrige Sprachebene verlassen.“

Die Bitte, die in dieser Strophe ausgesprochen wird: Schenke „unserm Leben Ziel und Plan“! richtet sich an Betroffene und Hinterbliebene, die den Wunsch haben, das zu verstehen, was sie erlebt und durchgemacht haben. Wer auch immer wir sind und wie auch immer unsere Lebensgeschichte aussieht – mit vielen Brüchen oder auch glatt wie ein Aal –: Gott ruft uns bei unserem Namen. So lesen wir es in Jesaja 43,1b: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

Auch die Entstehungsgeschichte der Melodie von Carlton R. Young (*1926), die dem Lied in unserem Gesangbuch zugeordnet ist, ist mit der Betroffenheit über die Ausgrenzung von Menschen mit HIV-AIDS verbunden. Die Tochter von Carlton Young ist Rechtsanwältin in Florida. Sie lernte einen Mann namens Rodney kennen. Er war an AIDS erkrankt und das Ende war absehbar. Seine Familie wollte nichts mehr von ihm wissen, nachdem sie von seiner Krankheit erfahren hat. Die junge Frau sprach mit ihrem Vater darüber. Er hatte vor kurzem von seiner Bekannten Shirley Erena Murray ein Gedicht zugeschickt bekommen, das die AIDS-Problematik aufgriff. Carlton Young schrieb eine Melodie zu diesem Text, der sich in der Folge für die Trauerarbeit der Angehörigen als sehr hilfreich erwies. In Erinnerung an den jungen Mann wählte Young den Namen RODNEY für diese Melodie. Im englischen Sprachraum ist es üblich, dass jede Melodie mit einem Namen (in Großbuchstaben geschrieben) bezeichnet wird.

Hier die einzige Aufnahme mit der Melodie RODNEY in englischer Sprache (Str. 1-3), die ich gefunden habe.

Ein Satz, eine Bitte aus diesem Lied geht mir immer wieder nach: „Bau Gemeinschaften der Liebe aus verworfnen Steinen, Gott.“ Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken, sagt Jesus in Markus 2,17. Nicht den Starken ist Gottes Gnade verheißen, sondern den Schwachen, erfährt und beschreibt Paulus in 2. Korinther 12,9. „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ ruft Jesus den Menschen zu. Man muss ja nicht unbedingt ein ganzes Haus bauen aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, wie Johann Wolfgang von Goethe empfiehlt. Es ist schon gut, wenn es Gemeinschaften der Liebe sind, „new communities of care“.

Pastorin Esther Handschin

Bild: commons.wikimedia.org.