Predigt von Ruth Armeanu zu Matthäus 11, 16-19 und 25-30

16 Womit soll ich diese Generation vergleichen? Sie sind wie Kinder, die auf den Marktplätzen sitzen und sich beschweren: „Ihr seid Spiel- verderber! 17 Wir haben Tanzmusik für euch gespielt, aber ihr habt nicht getanzt!“ „Wir haben Trauermusik für euch gespielt, aber ihr habt nicht geweint!“ 18 Johannes kam: Er aß und trank nicht – deshalb sagen die Leute über ihn: „Er ist von einem Dämon besessen.“ 19 Der Menschensohn kam: Er aß und trank – deshalb sagen sie über ihn: „Seht doch: Dieser Mensch ist ein Vielfraß und Säufer. Er ist befreundet mit den Zolleinnehmern und mit Menschen, die voller Schuld sind.“ Doch die Weisheit Gottes ist immer im Recht – das zeigt sich an dem, was sie bewirkt. 25 Danach rief Jesus aus: „Ich preise dich, Vater, du Herr über den Himmel und die Erde! Denn du hast das alles vor den Weisen und Klugen verborgen. Aber den einfachen Leuten hast du es offenbart. 26 Ja, Vater, so hast du es gewollt! 27 Alles hat mir mein Vater übergeben. Niemand kennt den Sohn, nur der Vater. Und niemand kennt den Vater, nur der Sohn – und die Menschen, denen der Sohn den Vater zeigen will.“ 28 „Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid! Bei mir werdet ihr Ruhe finden. 29 Nehmt dasJochaufeuch,dasicheuchgebe.Lerntvonmir:Ichmeineesgutmiteuchundseheaufniemandenherab. DannwirdeureSeeleRuhe finden. 30 Denn mein Joch ist leicht. Und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last.“ 

Ihr Lieben alle, Kleine und Große, Alte und Junge! 

„Rabbi Baruchs Enkel, der Knabe Jechiel“, so beginnt eine alte Erzählung, „spielte einst mit einem anderen Knaben Verstecken. Er verbarg sich gut und wartete, dass ihn sein Gefährte suche. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck; aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, dass jener ihn von Anfang an nicht gesucht hatte. Darüber musste er weinen, kam weinend in die Stube seines Großvaters gelaufen und beklagte sich über den bösen Spiel- genossen. Da flossen Rabbi Baruch die Augen über, und er sagte: ‚So spricht Gott auch: ‚Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.’“ (Aus „Die Erzählungen der Chassidim“, Martin Buber, S.191) 

Solche Spielverderber sind uns allen nur zu bekannt, die haben wir sowohl als Kinder wie auch als Erwachsene erlebt – dass nämlich jemand nicht mitmachen will und dann beide Seiten frustriert, also enttäuscht sind. Es soll sie auch in der Wirtschaft und bei Politikern geben. Man sollte es nicht glauben, auch Jesus hat so etwas Ähnliches erlebt! Er erzählt dazu ein Gleichnis von Kindern auf einem Marktplatz, die anderen „Spielverderber! Spielverderber!“ zurufen. Es ist ein Mini-Gleichnis mit nur zwei Versen und die einzige Stelle im Neuen Testament mit spielenden Kindern – und es steht nicht nur bei Matthäus, sondern auch im Lukasevangelium. Gleich nach dem Gleichnis spricht Jesus von seinen Erlebnissen mit Besserwissern und Spielverderbern. 

Zuerst einmal fragt Jesus „Mit wem soll ich diese Generation vergleichen?“ Man könnte auch sagen: „Mit wem soll ich die Menschen von heute vergleichen?“ Und dann kommt das 2-Verse- Gleichnis: „Sie sind wie Kinder, die auf dem Marktplatz spielen und sich beschweren: Ihr seid Spielverderber! Wir haben für euch auf der Flöte gespielt, und ihr habt nicht getanzt!“ „Und wir haben Klagelieder gesungen, aber Ihr habt euch nicht an die Brust geschlagen!“ 

Hochzeit wollen also die einen spielen, und dazu blasen die Mädchen auf der Flöte. Aber die Buben wollen nichtmachen, obwohl der Reigentanz bei der Hochzeit Sache der Männer ist. Die Totenklage wieder wäre Sache der Mädchen, aber die haben auch keine Lust. Es kann auch sein, dass sie einem Publikum etwas vorspielen wollten, das aber nicht bereit war mitzumachen. 

Im Grunde ist es die normalste Sache, dass Kinder „das Leben spielen“. Und Jesus sagt ja auch kein Wort gegen das Spiel von Kindern, schließlich liebt er sie sehr. Nicht umsonst betont er an anderer Stelle (Markus 10,15) sehr eindeutig: „Wahr- lich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ 

Den Grund für das Gleichnis erfahren wir schon in den nächsten zwei Versen, die Jesu Erklärung bzw. seine Erlebnisse mit den Menschen seiner Zeit anfügen: „Johannes ist gekommen, aß nicht und trank nicht und die Leute sagen: ‚Er ist von einem bösen Geist besessen.’ Der Menschensohn (also Jesus) ist gekommen, isst und trinkt und sie sagen: „Seht ihn euch an, diesen Vielfraß und Säufer, diesen Freund der Zolleinnehmer und Sünder!’“ 

Damit mein Jesus: Gott schickt seine Boten, nämlich Johannes und Jesus, zu euch – und die richten die Botschaft auch auf ihre Weise aus. Und was macht ihr? Ihr könnt nur kritisieren. Den Täufer Johannes erklärt ihr für verrückt, weil er fastet, während ihr lieber feiern möchtet. Und mich beschimpft ihr, weil ich mit sogenannten Sündern am Tisch sitze, während ihr euch von denen fernhalten wollt. Die Bußpredigt passt euch nicht, und die Evangeliumspredigt wollt ihr auch nicht hören. Aber an den Boten Gottes herumkritisieren, da könnt ihr! Wie verblendet seid ihr denn? Wie das Wetter wird, könnt ihr voraussagen, aber die „Zeichen der Zeit“ versteht ihr nicht? Merkt ihr nicht gar nicht, dass etwas in der Luft liegt, dass euch die Zeit davonläuft? 

Gleich danach kommt ohne Übergang ein neuer, für uns Leser und Hörer überraschender Ausspruch Jesu: „Doch die Weisheit Gottes ist immer im Recht – das zeigt sich an dem, was sie bewirkt“. – Wie kommt er denn jetzt auf die Weisheit? Nun, wenn wir ins erste bzw. Alte Testament schauen, dann finden wir da erstaunliche, ja wunderbare Stellen über die Weisheit, denn in der biblischen Tradition ist sie ein ganz wichtiges Thema. So steht z.B. in Sprüche 8, 22ff über die Weis- heit – und ich kann hier nur wenige Verse zitieren: „Ruft nicht die Weisheit…? Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf. Als er die Grundfesten der Erde legte, da war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.“ Das ganze 8. Kapitel handelt von der Weisheit, ich kann nur empfehlen es zu lesen! 

Im Neuen Testament finden wir in 1.Kor.1 eine besonders wichtige Stelle: „Denn Gott in seiner Weisheit hat es den Men- schen unmöglich gemacht, mit Hilfe ihrer eigenen Weisheit Gott zu erkennen… Die Juden wollen Wunder sehen, und die Griechen suchen nach Weisheit. Wir aber verkünden den Menschen, dass Christus, der von Gott erwählte Retter, am Kreuz sterben musste. Für die Juden ist diese Botschaft eine Gotteslästerung und für die Griechen blanker Unsinn. Und dennoch erfahren alle, die von Gott berufen sind – Juden wie Griechen –, gerade in diesem gekreuzigten Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“ Und dann – ein paar Verse weiter: „Gott nahm sich der Schwachen dieser Welt an, um die Starken zu demütigen. Dass ihr mit Jesus Christus verbunden seid, verdankt ihr allein Gott. Und mit ihm hat er euch alles geschenkt: Christus ist Gottes Weisheit für uns.“ 

Und wenn Christus diese Weisheit ist, dann wissen wir: sie kennt keine Geschlechter-, Rassen- oder Klassendiskriminierungen, denn bei Christus gilt, was in Galater 3,28 zu lesen ist: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“
Wir kennen diese Verse gut, und eigentlich sollte das alles ja längst selbstverständlich sein. Aber warum sind dann Frauen so oft unterrepräsentiert und vergleichsweise unterbezahlt? Warum müssen weltweit viele Menschen sich zu „Black lives matter“ bekennen? Warum herrscht noch immer so viel Ungerechtigkeit auf unserer schönen Erde? Und wenn Kinder unser Leben spielen und damit unser Spiegelbild sind: Warum rüttelt uns dann nicht auf, unter wie viel Missbrauch, ja Prostitution Kinder leiden müssen – oder übergewichtig bzw. magersüchtig sind oder bei Drogen Zuflucht nehmen? Wenn doch die Weisheit, die sich in Jesus offenbart, sich mit den Unmündigen, Schwachen und Ausgegrenzten solidarisiert und ihr er- klärtes Ziel die Gerechtigkeit und das Heil für alle Menschen und die gesamte Schöpfung ist? Oder gehören wir zu den „Besserwissern“, die nur reden und bekritteln können? Andere verurteilen, aber selber tatenlos bleiben? 

Den Ernst der Situation zu erkennen und sich entsprechend zu verhalten – dazu ruft Jesus uns heute auf. Und zuerst einmal dazu, uns an ihm und Johannes ein Beispiel zu nehmen. Denn Johannes hat Jesus als Messias bezeugt, obwohl dieser nicht – wie er selber – klagend zur Buße aufrief. Und Jesus hat sich von Johannes taufen lassen, obwohl dieser nicht – wie er selber– in übertragenem Sinn flötenspielend zum Tanz aufforderte. 

Ihr seid, sagt Jesus, genau wie diese herrschsüchtigen und unverträglichen Kinder, die den anderen vorwerfen, dass sie Spielverderber sind, weil sie nicht nach ihrer Pfeife tanzen wollen. Ihr wollt nur kommandieren, aber mitmachen wollt ihr nicht. Es ist doch so: Wer sich Gottes Ruf entziehen will, der oder die wird nie um eine Ausrede verlegen sein: Johannes ist zu fordernd, Jesus zu gutmütig, die eine Gemeinde ist zu rückschrittlich und die andere zu modern usw. Hauptsache, ihr müsst euch nicht entscheiden. 

Vielleicht ist es auch so, wie es Paulus es im Römerbrief beschreibt: „Wir bringen es zwar fertig, uns das Gute vorzunehmen; aber wir sind zu schwach, es auszuführen. Wir tun nicht das Gute, das wir wollen, sondern gerade das Böse, das wir nicht wollen.“ 

Wie kommen wir aus dieser Sackgasse? Können wir die Lösung googeln? Oder Wissenschaftler dazu befragen? Aber denen scheint ja sogar das Coronavirus noch immer ein Rätsel zu sein. 

Es wäre nicht Jesus, nicht der Sohn des Gottes der Weisheit und der Liebe, wenn es nicht einen Ausweg gäbe. In seinem Lobgesang in Matthäus 11 dankt er schon im Vorhinein: „Ich preise dich, Vater, du Herr über den Himmel und die Erde! Denn du hast das alles vor den Weisen und Klugen verborgen. Aber den einfachen Leuten hast du es offenbart. Ja, Vater, so hast du es gewollt!“ Und dann quasi Jesu Legitimierung als Botschafter: „Alles ist mir von meinem Vater übergeben, und niemand kennt den Sohn außer dem Vater und niemand kennt den Vater außer dem Sohn und wem es der Sohn offenbaren wird.“ 

Es ist so, wie es später auch Paulus erkannt und im Römerbrief weitergegeben hat: „Dank sei Gott! Er hat uns gerettet durch Jesus Christus, unseren Herrn.“ Und Christus nimmt uns hinein in seine über alles Verstehen innige Gemeinschaft mit seinem Vater, die er uns offenbart. Was für ein Geschenk! 

Und nicht nur das. Es ist die Hinführung zu den zentralen Worten Jesu, die man auch den „Heilandsruf“ nennt. „Kommt her zu mir, ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid! Bei mir werdet ihr Ruhe finden. Nehmt das Joch auf euch, das ich euch gebe. Lernt von mir: Ich meine es gut mit euch und sehe auf niemanden herab. Dann wird eure Seele Ruhe finden. Denn mein Joch ist leicht. Und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last.“ 

Wir kennen aus der Lutherübersetzung „die mühselig und beladen sind“. Bei den „Mühseligen“ geht es aber genau über- setzt um Leute, die trotz aller Anstrengungen die Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht mehr schaffen und mit den Herausforderungen des Lebens nicht fertig werden. Sie sollen nicht nur Ruhe finden, sondern in jeder Beziehung heil werden. Und wenn auch ein Leben mit Jesus natürlich nicht nur Ruhe bedeutet und nicht ohne Aufträge an uns bleibt, so lässt er uns dabei keineswegs allein, sondern geht mit und trägt mit. 

Den Heilandsruf, diese wunderbaren Worte „Kommt her zu mir…!“ nennt man auch „Evangelium in einer Nussschale“ – sozusagen „zum Mitnehmen“ – „Good News to go“! Die beste Erfrischung und wirksamer als jedes Medikament! Ihr seht, ich mache Werbung für Matthäus 8,28-30 – kostenlos! 

Zum Schluss noch eine weitere ganz kurze Erzählung von Martin Buber (S.755): Rabbi Bunam sprach zu seinen Chassidim: „Die große Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht – die Versuchung ist mächtig und seine Kraft ist gering! Die große Schuld des Menschen ist, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut.“ 

Dazu will uns das Matthäusevangelium aufrufen: Nämlich zu überprüfen, wie weit wir uns auf Jesus einlassen, ob wir ihm wirklich eindeutig nachfolgen oder ob wir eine falsche Abzweigung genommen haben und umkehren müssen. Als Entscheidungshilfe zitiere ich Jesus, wie er in Johannes 10,27 auf die Frage antwortet, ob er der Christus sei: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir.“ 

Darum geht es: Auf Christi Stimme zu hören und ihm zu folgen, ohne Ausreden oder Besserwisserei! Und darauf, kein Spielverderber mehr zu sein, sondern Gott zu suchen – wir erinnern uns an die erste Erzählung – und uns auf das Spiel seiner Weisheit und Gnade nicht nur einzulassen, sondern freudig mitzumachen, mit Hingabe mitzuspielen. 

Amen. Ruth Armeanu, Wien 

Jesu doppelte Einladung singen im Oratorium „Der Messias“ von Georg Friedrich Händel zwei Frauen in einer Art Duett: „Er weidet seine Herde, dem Hirten gleich und heget seine Lämmer so sanft in seinem Arm“, so beginnt der Alt mit tiefer und sanfter Stimme. Und dann setzt wie aus anderen Sphären der Sopran ein, trotz der Höhe innig und liebevoll einladend: „Kommt her zu ihm, die ihr mühselig seid, er spendet süßen Trost. Nehmt sein Joch auf euch und lernet von ihm. Denn er ist sanft und demutsvoll, so findet ihr Ruhe und Seelenheil.“