Liedandacht von Esther Handschin zu
EM 659 „Näher, mein Gott, zu dir“ 

Unter den deutschsprachigen Kirchenliedern gibt es vergleichsweise wenige, die auf Geschichten des Alten Testaments Bezug nehmen. Das ist in anderen Sprachgruppen und Ländern anders, wie zum Beispiel in der Niederlanden oder im englischsprachigen Bereich. „Näher, mein Gott, zu dir“ – oder im englischen Original „Nearer, my God, to thee“ bezieht sich auf die Geschichte von Jakob, der sich auf dem Weg zu seinem Onkel Laban befindet und – unterwegs unter freiem Himmel übernachtend – in einem Traum Engel auf einer Leiter auf- und niedersteigen sieht. Er nennt diesen Ort der Gottesbegegnung „Beth-El – Haus Gottes“. So wird es 1. Mose 28,10-22 erzählt.

Sarah F. Adams (1805-1848), geb. Flower, die Autorin des englischen Liedes, war Schriftstellerin und Schauspielerin. Sie war mit dem britischen Eisenbahningenieur William Bridges Adams verheiratet, stand aber schon vorher unter dem Einfluss des unitarischen Predigers William Johnson Fox (1786-1864). Für das Gesangbuch, erschienen 1841, von dessen Gemeinde in der South Place Chapel in der Nähe von London schrieb sie vierzehn Lieder, darunter „Nearer, my God, to thee“. Zu dieser Gemeinde zählten sich liberale und progressive Denker und Feministinnen.

Die Unitarier leiten ihren Namen von lat. unitas „Einheit“ ab und verstehen ihn als Gegensatz zu lat. trinitas „Dreieinigkeit“. Sie lehnen die Trinitätslehre und die Göttlichkeit Jesu ab. Für manche hat Jesus als Lehrer und Prophet eine besondere Bedeutung, andere wiederum näherten sich allgemein-religiösen und philosophischen Strömungen an oder verstehen sich explizit als Agnostiker oder Atheisten. Unitarische Ansichten tauchten im Lauf der Kirchengeschichte immer wieder auf: So bis ins 4. Jahrhundert in der Auseinandersetzung und Herausbildung der Trinitätslehre; dann in der Zeit der Reformation, wo es vor allem in Siebenbürgen zur Bildung einer anerkannten „Kirche“ kam; schließlich ab der Aufklärung und dem 19. Jahrhundert, vor allem im englischsprachigen Raum.

In der englischen Fassung des Liedes wird aus der Geschichte von Jakob nur „Bethel“ in der 4. Strophe direkt genannt, als Ort, wo man Gott näher sein kann. Ansonsten ist in Str. 2 eher allgemein vom „Wanderer“ die Rede, der nach Einbruch der Dunkelheit einen Stein als Rastplatz sucht und träumt. Die 3. Strophe werden die Stufen in den Himmel erwähnt und Engel, die einem zuwinken. Das Lied endet in der 5. Strophe mit einem Blick in den Himmel, wo Sonne, Mond und Sterne hinter einem liegen und nur noch eines wichtig ist: Näher, mein Gott, zu dir! Was das Lied sprachlich prägt und stark macht, das ist der fast durchgängige Konjunktiv: Wenn ich wie der Wanderer wäre, dann …; wenn mir die Himmelsstufen erschienen und die Engel zuwinkten, dann …;  wenn ich aus den Steinen des Kummers Bethel erbaute, dann … Auf diese Weise werden Möglichkeiten erträumt für den Fall, dass es himmelwärts geht. Das machte dieses Lied beliebt bei Beerdigungen.

Hier die englische Version, gesungen vom Chor des Orem Institute, einer Ausbildungseinrichtung für junge Erwachsene der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (Mormonen). Der Orgelprospekt ist derjenige des Konferenzzentrums der Mormonen in Salt Lake City, Utah.

Die deutsche Übersetzung stammt von Erhardt Friedrich Wunderlich (1830-1895), einer der frühen Gründerpersonen des Methodismus in Sachsen. Geboren in Rüßdorf bei Greiz/Thüringen, wanderte er schon mit 19 Jahren nach Nordamerika aus und bekehrte sich bei den  Methodisten. Er kehrte ein Jahr später 1850 in seine Heimat zurück, um von seiner Glaubenserfahrung zu berichten und wurde wegen seiner religiösen Aktivitäten mehrfach zu Gefängnisstrafen verurteilt, sodass er wieder in die USA zurückkehrte, wo er 1895 in Cleveland/Ohio starb. Sein Bruder Friedrich (1823-1904) setzte die evangelistische Tätigkeit fort. Ludwig Sigismund Jacoby (1813-1874) integrierte 1851 diese lokal entstandene, zunächst unabhängige methodistische Arbeit in die Bischöfliche Methodistenkirche, die seit 1849 in Deutschland tätig war.

Die Übersetzung des Liedes hat Ernst Heinrich Gebhardt (1832-1899) 1875 in die „Frohe Botschaft“ aufgenommen, ein Sammlung mit Liedern und Übersetzungen aus der Heiligungsbewegung, die viele Auflagen erlebte und eine weite Verbreitung über methodistische Kreise hinaus erfuhr. Wunderlich formuliert seine Aussagen nicht im Konjunktiv, sondern im Indikativ. Dadurch wirken die einzelnen Sätze viel dogmatischer. Der irdische Kummer, Kreuz und Pein soll zurückgelassen werden (Str. 1). Str. 2 erwähnt Jakob, der sich einen Ruheort sucht, um im Schlaf zu träumen. Im Traum sieht er allerdings nicht eine Himmelsleiter wie im englischen Original. Wunderlich nimmt vielmehr Bezug auf das im 19. Jahrhundert beliebte Gleichnisbild aus Matthäus 7,14 vom schmalen Weg und der engen Pforte, die zum Leben führt (Str. 3). Mit der 4. Strophe ist die Nacht vergangenen und die Sonne bringt neue Freude, sodass Bethel gebaut werden kann. Der im englischen Text noch vorhandene Kummer ist in der deutschen Übersetzung verflogen. Mit ähnlich freudigem Ton wird der irdische Pilgerweg in der 5. Strophe abgeschlossen, allerdings ohne die Souveränität, Sonne, Mond und Sterne hinter sich zu lassen. Auch die im englischen Text organische Verbindung, die in jeder Strophe wieder ins das Motto des Liedes „Näher, mein Gott, zu dir“ einmündet, gelingt im Deutschen weniger gut als im englischen Text.

Die deutsche Fassung erklingt mit der Melodie BETHANY und dem dazugehörenden Satz vom amerikanischen Kirchen- und Schulmusiker Lowell Mason (1792-1872), den er 1856 für diesen Text geschrieben hat.

Mit einer kleinen textlichen Änderung in der zweiten Strophe („selbst“ statt „auch“ in Zeile 5) ist das Lied mit der Übersetzung von Erhardt Friedrich Wunderlich in das katholische Gesangbuch Gotteslob von 2013 unter der Nummer 502 aufgenommen worden. Es ist somit das einzige Lied mit einem Bezug zur methodistischen Tradition, das in dieses Gesangbuch für Deutschland und Österreich gelangt ist. „Hark! The herald angels sing – Hört die Engelchöre singen“ von Charles Wesley (1707-1788) war auf dem besten Weg dahin, musste aber als drittletztes Lied gestrichen werden, um auf die angestrebte Zahl von 300 Liedern zu kommen.

Im katholischen süddeutschen und österreichischen Raum ist „Näher, mein Gott, zu dir / Herr, ich bin dein“ mit einem anderen Text als Beerdigungslied bekannt und beliebt. Von der vierstrophigen Fassung aus dem Österreichteil des Gotteslob 2 (Nr. 910) ist hier die erste und die vierte Strophe mit dem Kirchenchor Apetlon zu hören. Der Text ist erstmals im Diözesangesangbuch Linz von 1959 belegt.

Das Lied wird viel auf Beerdigungen gespielt, hier von der Militärmusik Kärnten.

Es gibt wenige Kirchenlieder, die in der Geschichte des Films nicht nur verwendet wurden, sondern um die es lang anhaltende Debatten und  Kontroversen gibt. „Näher, mein Gott, zu dir“ soll beim Untergang der Titanic im Jahr 1912 das letzte Musikstück gewesen sein, das die achtköpfige Musikkapelle unter der Leitung von Wallace Henry Hartley (1878-1912) gespielt haben soll. Wenn es „Näher, mein Gott, zu dir“ gewesen sein soll – wie sich einige der geretteten Schiffspassagiere erinnerten – dann stellt sich die Frage, welche Melodie die Kapelle gespielt hat. In der letzten großen Verfilmung aus Hollywood von 1997 wurde für den Soundtrack die Melodie BETHANY von Lowell Mason verwendet, wie sie vielen Amerikanern vertraut ist.

Der Kapellmeister aber war Brite und wurde kirchlich in der Bethel Independent Methodist Church in Colne im Norden Englands sozialisiert, wo sein Vater Chorleiter und Aufseher über die Sonntagsschule war. In den britischen methodistischen Gesangbüchern zwischen 1877 und 1933 sind verschiedene Melodien für das Lied angegeben. Die geläufigste und auch über methodistische Kreise hinaus bekannte Melodie ist HORBURY von John Bacchus Dykes (1823-1876), anglikanischer Priester, Organist und Schöpfer etlicher Kirchenliedmelodien (darunter „Heilig, heilig, heilig, Nr. 13).

Im Titanic-Film „A night to remember“ von 1958, der im wesentlichen auf dem Buch von Walter Lord mit demselben Titel basiert, erklingt  die Melodie HORBURY als letztes Stück der Musikkapelle. 

Die Familienangehörigen von Kapellmeister Hartley waren aber sicher, dass er die Melodie PROPIOR DEO gespielt hat, da es diejenige Melodie war, die Vater Hartley in der Methodistenkirche von Colne zu „Nearer, my God, to thee“ spielte. Sie stammt von Sir Arthur Sullivan (1842-1900), einem bekannten Opernkomponisten der damaligen Zeit.

Schließlich hat sich jemand noch die Mühe gemacht, den Kapellmeister im Film von 1997 die Melodie PROPIOR DEO spielen zu lassen. Da sie eine gewisse Ähnlichkeit mit der Melodie BETHANY hat, könnte es auch zu Verwechslungen in der Erinnerung gekommen sein.

Aber es gibt noch eine weitere Theorie, welche Melodie als letzte auf der Titanic erklungen sein könnte. Sie folgt dem Bericht des überlebenden Funkers Harold Sydney Bride (1890-1956). Er musste immer wieder zwischen dem anderen Funker namens Jack Philipps und dem Kapitän Edward Smith Botschaften übermitteln und bekam deshalb mit, was außerhalb des Funkraums der Titanic vor sich ging. In einem Bericht, der am 19. April 1912 in der New York Times erschien und den Aussagen Brides folgt, heißt es, dass die Musikkapelle zunächst Ragtime gespielt habe und dann „AUTUMN“. Es gibt zwar eine Melodie AUTUMN, aber bei keiner Fassung passt der zugehörige Text zur Situation eines Schiffsuntergangs, meint Sir Ronald Johnson in einem Artikel, der 1974 im Bulletin der Hymn Society of Great Britain and Irland erschienen ist. So hat er eine andere Theorie aufgestellt. Die Journalisten, die den Bericht von Harold Bride hörten, machten einen Hörfehler. Bride habe die Melodie AUGHTON gemeint, die zum Text „He leadeth me“ gesungen wird, einer Vertonung von Psalm 23. Das ist ein passender Text eines weit bekannten Sonntagsschulliedes, um im Moment des Untergangs gespielt zu werden. Allerdings hat auch diese Theorie einen Haken: Das Lied findet nicht in englischen methodistischen Gesangbüchern, sehr wohl aber in amerikanischen. Was auch immer als letztes Musikstück an Bord der Titanic erklungen ist, ich hoffe, dass es die Menschen getröstet hat.

 

Insbesondere die letzte Strophe von „He leadeth me“ hat diese Qualität:
And when my task on earth is done,
when by thy grace the victory’s won,
e’en death’s cold wave I will not flee,
since God through Jordan leadeth me.
Refr.: He leadeth me, he leadeth me, by his own ahnd he leadeth me,
his faithful follower I would be, for by his hand he leadeth me.

Pastorin Esther Handschin