Liedandacht von Esther Handschin zu
EM 37 „Kommt, bringet Ehre, Dank und Ruhm

Diese Betrachtung schließt an an diejenige über das Lied EM 44 „Brunn alles Heils, dich ehren wir“. Dieses Lied teilt sich die Melodie mit EM 505 „Preist Gott, der allen Segen gibt“. Im englischsprachigen Raum wird diese Lobstrophe zu Ehren des dreieinen Gottes einfach „The Doxology“ genannt. Lange Zeit war es das Schlusslied in vielen Gottesdiensten. Der Text dazu stammt von Thomas Ken (1637-1711), einem der wenigen englischen Kirchenlieddichter, die schon vor den beiden großen Dichtern des 18. Jahrhunderts, Isaac Watts (1674-1748) und Charles Wesley (1707-1788), tätig waren. Die abschließende Lobstrophe von Thomas Ken gehört sowohl zum Morgenlied „Awake, my soul, and with the sun“ als auch zu einem Abendlied, das mit zwei verschiedenen Liedanfängen bekannt ist: „All praise to thee, my God, this night“ oder „Glory to thee, my God, this night“. Berühmt gemacht hat dieses Abendlied allerdings seine Melodie namens TALLIS’ CANON, die ich an dieser Stelle vorstellen möchte.

Hier eine erste Version des englischen Abendlieds mit dem Westminster Choir. https://www.youtube.com/watch?v=2Okg1G-Lpn4 

Thomas Ken hat die beiden Liedtexte für die Studenten von Winchester College geschrieben, „damit sie das Morgen- und das Abendlied andächtig in ihrer Kammer singen.“ Sie wurden 1674 in einem Gebetbuch veröffentlicht. Das Abendlied mit seinen ursprünglich zwölf Strophen steht ganz in der Tradition der beim monastischen Stundengebet gesungenen Hymnen. Es übernimmt auch von seiner poetischen Form her die sogenannte Hymnenstrophe zu vier Zeilen à acht Silben.

Die erste Strophe lobt zunächst Gott für die Gabe des Lichts und bittet dann um Gottes Schutz für die Nacht. Um ruhigen Schlaf zu haben und Frieden zu finden, wird Gott um die Vergebung der Sünden (des Tages) gebeten (Str. 2). Das Anliegen der dritten Strophe ist die Bitte um einen Tod, der zur Auferstehung beim jüngsten Gericht führen möge. Dabei wird das Bett mit einem Grab verglichen. Wo die Seele in Gott ruht, da findet sie guten Schlaf, damit sie am nächsten Tag wieder Gott dienen kann (Str. 4). Eine weitere Strophe, die sich kaum mehr in den englischsprachigen Gesangbüchern findet, erwähnt auch die schlaflosen Nächte. Dann möge die Seele von himmlischen Gedanken und nicht von schlechten Träumen erfüllt sein. Hier eine instrumentale Fassung, bei der man den englischen Text mitlesen kann:

Thomas Ken studierte in Oxford Theologie, wurde 1662 zum anglikanischen Priester ordiniert und war zunächst in einigen kleineren Pfarren tätig. Nach zehn Jahren kehrte er nach Oxford zurück, um kirchliche und universitäre Dienste am Winchester College wahrzunehmen. So entstand dieses Lied. König Charles II. (1630-1685) machte Ken 1679 zum Privatgeistlichen seiner Nichte Prinzessin Mary II. (1662-1694), der Frau von Wilhelm von Oranien (1650-1702). Wegen Differenzen mit König Charles (Ken kritisierte, dass sich König Charles eine Mätresse hielt) ging er als Geistlicher zur Flotte und wurde dennoch 1685 zum Bischof von Bath und Wells geweiht. Seine erste Aufgabe als Bischof war es, König Charles II. auf dem Sterbebett geistlich zu begleiten. Unter dem nachfolgenden König James II. (1633-1701) weigerte sich Thomas Ken als einer von sieben Bischöfen – zusammen mit 400 weiteren Geistlichen – die Deklaration zur Religionsfreiheit zu unterzeichnen. Dabei ging es König James vor allem darum, dem Katholizismus in England wieder mehr Raum zu geben. Für Bischof Ken bedeutete dies, dass er als „Non-Juror“ für einige Zeit ins Gefängnis musste. Als 1688/89 mit der Glorious Revolution Wilhelm von Oranien an die Macht kam, war es Thomas Ken trotzdem nicht möglich, einen Eid auf den neuen König zu schwören, da er sich noch an den alten König gebunden fühlte. Sein Bischofssitz wurde jemand anderem zugeteilt und er führte ein stilles, zurückgezogenes Leben auf dem Landsitz eines seiner College-Freunde, wo er 1711 starb.

In diesem Video wird sein bewegtes Leben gewürdigt. Ab 4:30 erklingt das Abendlied, gesungen von den Cambridge Singers unter der Leitung von John Rutter.

Wie kam dieser Liedtext aus dem späten 17. Jahrhundert zu einer Melodie aus dem 16. Jahrhundert? Text und Melodie in dieser Kombination tauchen erstmals 1732 gemeinsam auf. Die Melodie TALLIS’ CANON ist allerdings schon 1561 gedruckt belegt. Der Kirchenmusiker und Komponist Thomas Tallis (um 1505-1585) hat sie als eine von neun Melodien zum Psalter von Matthew Parker beigesteuert, wo sie ursprünglich mit Psalm 67 verbunden war. 1621 erscheint sie dann im Psalter von Thomas Ravenscroft (um 1582 oder 1593 bis um 1635), einem Sänger und Musiklehrer in London. 

Das Besondere an der Melodie TALLIS’ CANON ist, dass sie sich sowohl als Choralmelodie mit einem vierstimmigen Satz als auch als Kanon singen lässt. Thomas Tallis hat die Melodie zuerst als zweistimmigen Folgekanon notiert, wobei die Männerstimmen beginnen und nach einem Takt die Frauenstimmen einsetzen. Es geht aber auch mit vier Stimmen, so wie es in EM 462 „Ehr sei dem Vater und dem Sohn“ notiert ist. Theoretisch ist es auch möglich, den Kanon mit acht Stimmen zu singen. Der Kanon ist bei EM 462 nicht mit Fermaten notiert. Es ist besser, die Kanonstimmen auslaufen zu lassen, d.h. bis zum Ende singen. Der Text einer Doxologie ist nicht dazu geeignet, dass man mittendrin stehen bleibt.

Hier ist noch einmal die musikalische Fassung des vorherigen Videos zu hören, aber mit dem Notentext beigefügt. In der zweiten Strophe ist der zweistimmige Kanon herauszuhören. Die vierte Strophe ist als vierstimmiger Kanon notiert. 

Dass man mit dieser Melodie auch experimentieren kann, zeigt dieses Video.

Wer war Thomas Tallis? Über sein frühes Leben ist nichts bekannt. Erstmals greifbar wird er als Organist in der Augustiner-Abtei Waltham bei London, wo er von 1532 bis 1540 tätig war. Als es unter Heinrich VIII. (1491-1547) zur Reformation in England kam, löste der König viele Klöster auf, um deren Besitztümer und Ländereien der Krone zuzuführen und seinen Reichtum zu vermehren. Für Kirchenmusiker und Komponisten wie Thomas Tallis begann eine schwierige Zeit. Hatte er bisher lateinische Motetten vertont und Messen komponiert, so waren auf einmal Anthems in englischer Sprache gefragt. Die Betonung des Wortes erforderte einfachere Kompositionen mit größerer Textverständlichkeit. Die Stimmen durften nicht mehr so ineinander verflochten und kunstvoll geführt werden wie bisher (= Polyphonie). 

Hier das Stück „If ye love me, keep my commandements“ (Joh 14,15f) von Thomas Tallis als Beispiel für seine protestantische Kirchenmusik, gesungen von den King’s Singers in einer Corona-Fassung. 

Mit TALLIS’ CANON hat Tallis ein Zwischending komponiert. Die Melodie lässt sich als Choral mit vierstimmigem Satz singen, sodass der Text gut verständlich ist. Aber man kann sie auch als Kanon singen, was einer einfachen Polyphonie gleichkommt. Die wechselvolle Geschichte der Reformation in England führte dazu, dass die Komponisten und Kirchenmusiker ihre Konfession oft hin- und herwechselten. Unter Edward VI. und Elisabeth I. war protestantische Musik gefragt, dazwischen unter Maria I. von 1553-1558 war wieder katholische Musik angesagt. Ein Komponist wie Thomas Tallis komponierte auch unter Elisabeth I. noch lateinische Musik, um seine Kompositionstechnik weiter auszufeilen. Ein besonders spektakuläres Beispiel dafür ist „Spem in alium“ (mit einem Text aus dem deuterokanonischen Buch (alttestamentliche Apokryphen) Judith 8,20 und 6,19). Das Stück dauert etwas mehr als 10 Minuten und ist für 40 (!) Stimmen, d.h. für acht Chöre zu je fünf Stimmen notiert. Die Fülle an Stimmen erfordert meist eine Anordnung der Sängerinnen und Sänger um das zuhörende Publikum herum, sodass ein besonderer akustischer Effekt im Raum entsteht. Im Video ist dieser Raumeffekt eher optisch als akustisch wahrnehmbar.

John Wesley (1703-1791) kannte übrigens die Melodie TALLIS’ CANON und nahm sie in modifizierter Form in die Foundery Collection 1742 auf. Das war die erste Sammlung von Melodien für Liedtexte, die er von sich und seinem Bruder Charles herausgab. Damals wurden in der Regel die Texte und die Melodien getrennt voneinander publiziert und in den Liederbüchern mit den Texten jeweils der Name der Melodie angegeben. In der Foundery Collection trägt die Melodie den Namen „Cannon Tune“. Der dazugehörige Text „Jesu, thy blood and righteousness“ ist die englische Übersetzung John Wesleys vom Lied des Grafen Nikolaus von Zinzendorf (1700-1760) „Christi Blut und Gerechtigkeit“ (EM 295). Wesley hatte dieses Lied auf seiner Überfahrt von England nach Amerika 1735/36 kennengelernt als er auf dem Schiff an den Singstunden der Herrnhuter Brüdern teilnahm.

Im Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche ist die Melodie TALLIS’ CANON zweimal einem Lied zugeordnet. Das eine Mal unter der Nr. 462 mit dem Text der sogenannten kleinen Doxologie, d.h. einer doxologischen Lobstrophe, um damit auf einen Psalm oder sonstigen biblischen Text zu Antworten. So steht die Lobstrophe auch im Reformierten Gesangbuch der Schweiz, Nr. 228, woher sie übernommen wurde.

Das andere dieser Melodie zugeordnete Lied ist Nr. 37 „Kommt, bringet Ehre, Dank und Ruhm“, ein Lied zur Anbetung des dreieinen Gottes. Die ersten drei Strophen sind je einer der drei „Personen“ – ich spreche lieber von Erscheinungsweisen – Gottes gewidmet, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Die vierte Strophe drückt noch einmal den Lobpreis des dreieinen Gottes aus. Der Text an sich ist wenig spektakulär. Er drückt das Lob Gottes aus, wie es auch andere Liedtexte tun. Um über die Melodie eine Verbindung zur kleinen Doxologie herzustellen, wurde noch einmal TALLIS’ CANON gewählt. Bei Nr. 37 ist sie allerdings nicht einstimmig und als Kanon notiert, sondern mit dem vierstimmigen Satz, wie er in Ravenscrofts Psalter notiert ist. In typisch englischer Tradition ist für die letzte Strophe eine Überstimme vorgeschlagen, Descant genannt, ähnlich wie sie in der folgenden Aufnahme des Abendliedes von Thomas Ken zu hören ist.

Als Verantwortliche für die Herkunftsangaben zu den Liedern im Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche muss ich für dieses Lied Nr. 37 „Kommt, bringet Ehre, Dank und Ruhm“ zwei Korrekturen nachtragen. Der vierstimmige Satz ist 240 Jahre älter. Er stammt aus Thomas Ravenscrofts Psalter von 1621 und nicht erst aus dem anglikanischen „Hymns Ancient and Modern“ von 1861. Auch der Text ist älter. Er ist einer der wenigen Liedtexte, die in allen Gesangbüchern der deutschsprachigen Methodisten der wesleylanischen Tradition, der bischöflich-methodistischen Tradition und der Evangelischen Gemeinschaft sowohl in Kontinentaleuropa als auch in Amerika von Anfang an überliefert wurde. Ich konnte ihn bis ins erste Gesangbuch der deutschsprachigen (bischöflichen) Methodisten in Amerika, der Sammlung von geistlichen Liedern für kirchlichen und häuslichen Gottesdienst von 1839, herausgegeben von Wilhelm Nast (1807-1899), zurückverfolgen. Allerdings ist er auch schon in Das Geistliche Saitenspiel, das von der Evangelical Association (Evangelische Gemeinschaft) 1817 herausgegeben wurde, nachweisbar. Die Evangelische Gemeinschaft ist eine Kirche methodistischer Tradition, die sich in den USA unter deutschsprachigen Einwanderern gebildet hat als sich die bischöflichen Methodisten zunächst geweigert haben mit der Verkündigung in deutscher Sprache zu beginnen. 1968 vereinigten sich die Evangelische Gemeinschaft und die Methodistenkirche zur United Methodist Church / Evangelisch-methodistische Kirche, sowohl in den USA als auch in Deutschland, der Schweiz und im Elsaß, wo es außerhalb der USA Gemeinden der Evangelischen Gemeinschaft gab.

Außer in den Gesangbüchern methodistischer Tradition findet sich der Text „Kommt, bringet Ehre, Dank und Ruhm“ in verschiedenen Gesangbüchern deutschsprachiger Reformierter Kirchen in den USA. Der älteste über hymnary.org nachweisbare Beleg stammt aus dem Jahr 1814. Ob das Lied ein Mitbringsel aus der Alten Welt war oder erst in der Neuen Welt entstanden ist, muss noch erforscht werden.

An den Schluss dieser hymnologischen Exkursion setze ich eine Aufnahme der Community-Oper „Noahs Flut“ von Benjamin Britten (1913-1976). Er verwendet TALLIS’ CANON zum Abschluss seines Werks für Kinderchor, Erwachsene und Jugendorchester. Hier eine Aufnahme aus Salzburg aus dem Jahr 2015. Die Melodie erklingt ab 44:40. Johannes Wiedecke ist in der Titelrolle des Noah zu hören.

Pastorin Esther Handschin