EM 434 Tut mir auf die schöne Pforte, Liedandacht von Esther Handschin

Ende Juli wird sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Tradition zweier Heiliger gedacht, deren Gedenkstätten in Europa Pilgerströme auf den Weg bringen. Der 25. Juli ist der Tag von Jakobus dem Großen, Sohn des Zebedäus und Jünger Jesu. Sein Pilgerweg nach Santiago de Compostela führt von Ost nach West ans äußere Ende im nördlichen Spanien. Der andere Gedenktag ist der 29. Juli, wo in den skandinavischen Ländern und vor allem in Norwegen des Heiligen Olaf gedacht wird. Olaf II. (Haraldsson) von Norwegen (995-1030) wurde 1013/14 in Rouen in der Normandie getauft. Er berief Missionare in sein Land, ließ Kirchen erbauen und Götzenbilder zerstören. Nachdem der dänische König Knud ihn 1027 besiegt hatte, starb König Olaf beim Versuch, 1030 sein Land zurückzuerobern. Er ist in Trondheim begraben, wo über seinem Grab der Nidarosdom steht, die größte Kirche Skandinaviens. Die Hauptroute des Olaf-Pilgerwegs verläuft von Oslo nach Trondheim in der Süd-Nord-Richtung.

Schon in der Bibel sind uns mit den Wallfahrtspsalmen 120-134 Texte von Pilgerliedern überliefert, die vermutlich von den Gläubigen auf dem Weg nach Jerusalem gesungen oder rezitiert worden sind. Sie drücken etwas von den Gefahren aus, die einem unterwegs begegnen können (Ps 121) oder erzählen von der Sehnsucht nach dem Berg Zion (Ps 128). Immer wieder wird in diesen Psalmen der Segen erwähnt, der von diesem Ort ausgehen wird.

Mit EM 434 „Tut mir auf die schöne Pforte“ möchte ich ein evangelisches Pilgerlied vorstellen. Um dessen Inhalt besser zu würdigen, ist ein Abstecher in die Kirchengeschichte Schlesiens notwendig. Denn der Textautor Benjamin Schmolck (1672-1734) war lange Zeit Pfarrer in Schweidnitz/Schlesien, heute Swidnica/Polen.

Die verschiedenen Fürstentümer Schlesiens gehörten ab 1348 zur Böhmischen Krone. Als diese ab 1526 an die Habsburger fiel, wirkte sich das auch auf die Reformation Schlesiens aus. Schon 1523 wurde die wichtigste Stadt Schlesiens, Breslau, evangelisch. Auch viele weitere Gegenden, vor allem in Niederschlesien, folgten dem reformatorischen Aufbruch. Ab 1563 setzte jedoch – ähnlich wie in den Erblanden Österreichs die Gegenreformation ein. 1609 wurde durch Rudolf II. den evangelischen Ständen noch die freie Religionsausübung gewährt. Und wie in den österreichischen Erblanden war auch Schlesien nach 1648 vom Westfälischen Frieden ausgeschlossen. Nur die Fürstentümer Liegnitz, Brieg, Wohlan und Münsterberg-Oels sowie die Stadt Breslau konnten evangelisch bleiben. Über alle anderen Gegenden Schlesiens bestimmte der habsburgische Kaiser und damit mussten diese katholisch werden. So wurde von 1652-1654 die Gegenreformation konsequent durchgeführt: über 650 evangelische Kirchen wurden geschlossen, lutherische Pfarrer wurden vertrieben, auch evangelische Schulen wurden geschlossen. Nur an drei Orten war es erlaubt eine sogenannte evangelische Friedenskirche zu bauen: in Glogau (erstmals erbaut 1648, 1758 zerstört), in Jauer (erbaut 1655) und in Schweidnitz (erbaut 1657). Die letzten beiden Fachwerkkirchen sind noch erhalten und wurden 2001 zum Weltkulturerbe erklärt. Ähnlich wie bei den Toleranzbethäusern in Österreich, die ab 1781 den Evangelischen wieder erlaubt waren zu errichten, gab es bestimmte Bauauflagen: kein Turm, keine Glocken, nur außerhalb der Stadt, innerhalb eines Jahres zu erbauen und nur mit Holz, Lehm und Stroh. Außerdem durfte die Bauzeit ein Jahr nicht überschreiten und die Kosten mussten von der evangelischen Gemeinde getragen werden. Um allen Evangelischen der Umgebung Platz zu bieten, wurden diese Kirchen sehr groß gebaut. Die Kirche in Jauer fasst 5.500 Menschen, diejenige in Schweidnitz 7.500, d.h. 3.500 Sitzplätze und 4.000 Stehplätze.

1675 wurde auch in den bisher evangelischen Fürstentümern Schlesiens die Gegenreformation wirksam, da das Fürstengeschlecht der Piasten ausstarb und die Ländereien an die Habsburger zurückfielen. 1707 konnte der schwedische König Karl XII. erreichen, dass mit der Altranstädter Konvention den Evangelischen erlaubt wurde, sechs sogenannte Gnadenkirchen in Schlesien zu erbauen. Diese wurden ähnlich groß gebaut wie die Friedenskirchen, zwei davon in Dankbarkeit dem schwedischen König gegenüber in architektonischer Anlehnung an die Katharinenkirche in Stockholm. Zwei dieser Gnadenkirchen sind verfallen, resp. im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Die restlichen vier Kirchen sind bis auf das heute „Jesuskirche“ genannte Gebäude in Teschen (Cieszyn) im Gebrauch der römisch-katholischen Kirche. Somit ist die 1709-1723 erbaute Teschener Kirche die „Mutterkirche“ aller Evangelischen in Polen. Erst als nach dem Ersten Schlesischen Krieg 1740-42 Schlesien an Preußen fiel, gab es Glaubensfreiheit für die Evangelischen in Schlesien.

Nach diesem längeren Einblick in die Konfessionsgeschichte Schlesiens nun dazu, warum „Tut mir auf die schöne Pforte“ ein Pilgerlied ist. Benjamin Schmolck, selbst als Sohn eines Pfarrers in Brauchitschdorf, Herzogtum Liegnitz geboren, studierte in Leipzig ab 1693 evangelische Theologie. Danach half er ab 1697 seinem Vater in der Gemeinde aus und handelte sich schnell den Ruf eines exzellenten Predigers ein. 1701 in Liegnitz ordiniert, wurde er 1702 als Diakonus (Hilfspfarrer) an die Friedenskirche von Schweidnitz berufen. Die 14.000 Gläubigen aus der Stadt Schweidnitz und 36 umliegenden Dörfern, die zu dieser Gemeinde gehörten, wurden von nur drei Pfarrern betreut. (Das sind Zahlenverhältnisse wie sie sich heutzutage mehr und mehr in katholischen Pfarrverbänden ergeben.) Manche von ihnen mussten einen langen Fußmarsch auf sich nehmen, um sonntags den Gottesdienst besuchen zu können. Möglicherweise zum Zeitvertreib auf dem Weg zum (Abendmahls-)Gottesdienst und wieder zurück, dichtete Benjamin Schmolck für seine Gemeindeglieder einen Zyklus von 17 Liedern unter dem Titel „Kirchfahrt“. Die Lieder tragen folgende Überschriften und verweisen mit ihren Anspielungen auf den Berg Zion auf die schon genannten Wallfahrtspsalmen. An dieser Stelle die Überschriften der 17 Lieder in originaler Schreibweise:

Gebähnter Weg nach Zion

Aufmunterung auf dem Wege nach Zion

Das wohlbereitete Hertz

Morgen-Wecker

Zurüstung auf dem Kirchwege

Sionitisches Wander-Lied

Die Gott gewiedmete Kirchfahrt

Der fröliche Glocken-Schall

Der erste Schritt in die Kirche

Die angenehme Music

Das angehörte Wort

Der Segen aus Sion

Die Frucht der Busse

Das zum Tische des HErren wohl bereitete Hertz

Nachgeschmack der Seelen-Speise

Abend-Opfer eines Communicanten

Fröliche Nacht-Ruhe eines Kirchgängers

Bei „Tut mir auf die schöne Pforte“ handelt es sich um das Mittelstück dieser Sammlung: „Der erste Schritt in die Kirche“. Wir können uns das so vorstellen: Der Kirchgänger, die Kirchgängerin hat nach einem mehrstündigen Fußmarsch endlich die Friedenskirche von Schweidnitz als den Zion erreicht. So geht es nun darum, das Gotteshaus zu betreten. Ursprünglich hieß es in der zweiten Zeile der ersten Strophe mit Bezug auf den Berg Zion, auf dem der Tempel von Jerusalem stand: „führet mich in Zion ein.“ Das wurde später geändert in „führt in Gottes Haus mich ein.“ Noch deutlicher ist der Pilgerwegbezug in der zweiten Strophe: „Ich bin, Herr, zu dir gekommen.“ Er wird gespiegelt in der zweiten Zeile mit der Erwartung an eine Gotteserfahrung im Gottesdienst: „komme du nun auch zu mir!“ Gott wird eingeladen: „Zieh in meinem Herzen ein, lass es deinen Tempel sein!“ Nun geht es nicht mehr um die Kirche als Ort der Gottesbegegnung, sondern um das Herz des Glaubenden, wo Gott ihm oder ihr begegnet. Damit nichts diese Gottesbegegnung stören kann, lautet die Bitte in der dritten Strophe: „Heilige du Leib und Geist … heilige du Mund und Ohr!“

In den folgenden drei Strophen geht es um die Vorbereitung auf die Predigt. Mit der Bitte der vierten Strophe: „Mache mich zum guten Lande, wenn dein Saatkorn (oder wie im Evangelischen Gesangbuch Nr. 166 „Sam’korn“) in mich fällt“, wird an das Gleichnis vom Sämann aus Matthäus 13 erinnert. Was als Predigt „vorgestellt“ wird, das möge sich im Herzen einprägen und Frucht bringen. Um das Wort Gottes verstehen zu können, ist aber auch Verstand gefragt, daher die Bitte: „Gib mir Licht in dem Verstande“. Damit klingt schon die frühe Aufklärung in diesem Lied des Barock an. Mit der letzten Zeile aus Strophe 5 wird noch einmal an das Bild des Samenkorns erinnert: Das Wort Gottes soll zum Trost im Herzen grünen. Diese Strophe versteht Gottes Wort nebst dem Trost aber auch als Stärkung, als Schatz („Kleinod“) und als Wegleitung („Leitstern“). Die sechste Strophe beginnt mit einer Erinnerung an die Geschichte aus 1. Sam 3,10, wo Eli den jungen Samuel im Tempel von Silo anleitet, wie er auf Gottes Ruf antworten soll: „Rede, denn dein Knecht hört.“ Sowohl der „Brunn des Lebens“ als auch das „Himmelsbrot“ beziehen sich noch einmal auf Gottes Wort, da erst die darauffolgenden Lieder des Zyklus sich auf das Abendmahl beziehen. 

Hier die sechs Strophen in der Textfassung des Evangelischen Gesangbuchs, die in 3,6 und 4,2 von der Fassung von EM 434 etwas abweicht.

Eine letzte Strophe, die in den gängigen Gesangbüchern fehlt, schließt das Lied mit einem eschatologischen Ausblick (was erwartet mich nach diesem Erdenleben) ab:

Öffne mir die grünen Auen,

Dass dein Lamm sich weiden kann,

Lasse mir dein Manna tauen,

Zeige mir die rechte Bahn

Hier in diesem Jammertal

Zu des Lammes Ehren-Saal.

In dieser Strophe häufen sich die biblischen Bilder. Wir hören von den „grünen Auen“ aus Psalm 23, erinnern uns an das Manna aus 2. Mose 16, das in der Früh wie der Tau am Boden liegt und blicken zum Schluss in den himmlischen Thronsaal aus Offenbarung 5.

Jay Alexander singt hier die Strophen 1-5 und diese 7. Strophe mit kleinen textlichen Änderungen und in einem flottem Tempo:

Das Lied wurde erstmals in Klage Und Reigen, Oder Neue Sammlung Unterschiedener Freuden- u. Trauer- Auch anderer, sonderlich aber Tugend-Lieder in Breslau und Leipzig 1738 publiziert. Entstanden muss das Lied aber einige Jahre zuvor sein, denn 1737 starb Schmolck an einem von mehreren Schlaganfällen. Ein erster Schlag traf ihn 1730, von dem er sich aber gut erholte. Der zweite Schlaganfall 1735 führte zur völligen Erblindung und teilweisen Lähmung. Gelegentlich ließ er sich noch in die Friedenskirche tragen, um als Beichtvater tätig zu sein. In der Ausgabe von 1738 steht beim Lied keine Melodie, aber es wird auf „Gott des Himmels und der Erde“ (EM 613) von Heinrich Albert 1642 verwiesen. Diese Melodie klingt so:

Die Melodie zu dem Lied, die wir aus dem Gesangbuch kennen, wurde erst im Lauf des 19. Jahrhunderts mit dem Text verbunden. Sie stammt ursprünglich aus Joachim Neanders Bundeslieder und Dankpsalmen von 1680 und war mit einem Text zu Psalm 8 verbunden: „Unser Herrscher, unser König“. Das Lied war im 18. Jahrhundert sehr beliebt, verliert sich aber im Lauf des 19. Jahrhunderts und ist in keinem aktuellen Gesangbuch mehr zu finden. Die Melodie, so wie sie Joachim Neander (1650-1680) notiert hat, wechselt nach dem ersten wiederholten Teil die Taktart in einen Dreiertakt, der als 6/4-Takt notiert. Für die erwecklichen Kreise, mit denen Neander sympatisierte und für deren Versammlungen er Lieder verfasste, waren diese Taktwechsel in den tänzerischen Rhythmus nichts ungewöhnliches. Leider gibt es dazu keinen Höreindruck. Die Fassung mit den punktierten Vierteln, wie sie im Gesangbuch abgedruckt ist, taucht erstmals im Darmstädtischen Gesangbuch von 1698 auf. Spätere Gesangbücher lassen auch noch die Punktierung weg. Da die Melodie einen relativ weiten Tonumfang von einer Dezime hat, ist es nicht leicht, die richtige Tonart zu wählen. 

Hier noch eine arrangierte Fassung zum Gottesdiensteingang.

Joachim Neander hat übrigens mit dem Neandertaler zu tun. Er ging gerne in einer Schlucht am Flüsschen Düssel spazieren und hielt dort auch inne, um zu komponieren oder Gottesdienst zu halten. Ihm zu Ehren wurde diese Gegend ab dem 19. Jahrhundert Neandertal genannt. Dort fand man 1856 die ersten Skelettteile einer Spezies, die nach dem Fundort „Neandertaler“ genannt wurde.

Die Melodie ist auch im englischsprachigen Raum bekannt und wird dort entweder UNSER HERRSCHER, NEANDER oder EPHESUS genannt. Im amerikanischen United Methodist Hymnal hat sie sich unter Nr. 578 mit einem Text verbunden, der ebenfalls zum Beginn eines Gottesdienstes passt. Diese Stimmung fängt das folgende Video ein:

Pastorin Esther Handschin