EM 372 So nimm denn meine Hände, Liedandacht von Esther Handschin

Viele werden bei diesem Liedtitel sogleich an die Oma denken: „Das ist ihr Lieblingslied.“ Oft wird das Lied bei Begräbnissen gesungen und ebenso auch bei Hochzeiten. Der Bekanntheitsgrad des Liedes steht im krassen Gegensatz zur Textautorin. Sie war ihr Leben lang eine scheue Person, die zurückgezogen lebte, und manchmal auch ablehnend gegenüber anderen Menschen war. Wer war Julie Hausmann?

Geboren wurde sie 1826 in Riga als fünfte von sechs Töchtern. Ihr Vater war Gymnasialoberlehrer und trug das Adelsprädikat „von“, das aber nicht erblich war und somit nicht auf seine Töchter überging, obwohl Julie öfter „von Hausmann“ genannt wird. Ihre Kindheit und Jugend verlebte sie in Jelgava (deutsch Mitau), einer lettischen Kleinstadt, auf halber Strecke zwischen Riga und der Grenze zu Litauen. Bis 1919 war Mitau/Jelgava allerdings die Hauptstadt von Kurland und die Deutschbalten spielten eine wichtige Rolle in der Stadt. Julie Hausmann blieb ihr Leben lang ehelos. Sie litt ebenfalls ihr Leben lang an chronischen Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit und suchte deswegen an verschiedenen Kurorten Deutschlands und in den Alpen Linderung. Dies ist wohl auch der Grund, dass sie nicht wie zwei ihrer Schwestern berufstätig war. Dafür begleitete sie diese Schwestern nacheinander an ihre Dienstorte und übernahm am jeweiligen Ort Aufgaben. Ab 1864 finden wir sie in Biarritz/Südfrankreich, wo Julies Schwester Johanna als Organistin der anglikanischen Gemeinde tätig war. Ab 1870 begleitete sie die älteste Schwester nach St. Petersburg, wo diese Direktorin der deutschen evangelischen St. Annenschule war und leitete dort das Hauswesen und gab Musikstunden. Hausmann starb 1901 während der Familienferien im Seebad Wösso/Võsu in Estland (damals Russland).

Das Verfassen von geistlichen Gedichten und Texten war wohl eine Möglichkeit für Julie Hausmann sich auszudrücken. Wichtig für sie dürfte ihr Konfirmationspfarrer Theodor Neander (1814-1869, oder eher sein Bruder Friedrich Eduard Neander?, 1802-1895) gewesen sein, der sie ermutigte, ein Leben als Jüngerin Jesu zu führen. Sie schrieb nicht nur Gedichte, sondern auch ein Andachtsbuch für Dienstboten mit kurzen Betrachtungen, das unter dem Titel „Hausbrot“ um 1896 erschien, als sie in St. Petersburg lebte. Das Gedicht „So nimm denn meine Hände“ wurde schon früher veröffentlicht, nämlich 1862 im Gedichtband „Maiblumen. Lieder einer Stillen im Lande“, das der Berliner Pfarrer Gustav Knak (1806-1878) herausgab. Er war ebenfalls ein eifriger Liederdichter, der der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts zuzurechnen ist.  Julie Hausmann stimmte einer Publikation nur zu, wenn ihr Name dabei nicht genannt wurde. Außerdem bestimmte sie, dass der Erlös des Verkaufs dieses Gedichtbandes karitativen Einrichtungen in Berlin und Hongkong zugute kommen sollte.

Mit dem Untertitel „Lieder einer Stillen im Lande“ schuf Knak eine Verbindung zu einer außerkirchlichen pietistischen Tradition, die sich im 18. Jahrhundert rund um Gerhard Tersteegen (1697-1769) gebildet hatte. Sie nannten sich nach Psalm 35,20 „die Stillen im Lande“, die beklagen, dass falsche Anklage gegen sie erhoben wird. Ihre Feinde sahen sie in den Vertretern der rationalistischen Philosophie und Theologie. Die „Stillen im Lande“ lasen neben der Bibel vor allem Schriften von Gerhard Tersteegen. Sie waren lose organisiert und bilden frömmigkeitsgeschichtlich die Brücke vom Pietismus des 18. Jahrhunderts zur Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts. Der Arzt und Schriftsteller Johann Heinrich Jung (1740-1817) nannte sich nach dieser Bewegung Jung-Stilling.

In den „Maiblumen“ ist das Gedicht in einer Gestalt abgedruckt, die später nicht mehr so beibehalten wurde. Diese Veränderung des Kontextes führte dazu, dass manche Aussage des Liedes anders verstanden werden konnte. Über dem Text stand das Bibelwort „Ich will dir folgen, wo du hingehst“ (Mt 8,19/Lk 9,57). Das sagt ein nicht namentlich genannter Jünger zu Jesus. Darauf folgt das Wort Jesu von den Füchsen, die ihre Höhlen haben und den Vögeln, die ihre Nester bauen, aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann. Es geht in diesem Lied also um die Nachfolge Jesu. Die Bitte „nimm meine Hände und führe mich“ ist an ihn gerichtet. Der Liedtext selbst nennt jedoch nicht, an wen das Lied gerichtet ist. Später wurde versucht, dies durch die Änderung der ersten Zeile zu deutlicher zu machen: „Nimm, Jesu, meine Hände“. Diese Textänderung hat sich jedoch nicht durchgesetzt. Durch die Weglassung des Bibelzitates hat das Lied seinen Kontext der Anrede verloren und der Text konnte – wie wir noch sehen werden – auf unterschiedliche Gegenüber bezogen werden.

Die andere Änderung gegenüber dem Original erfolgte mit der Zuordnung der jetzt bekannten Melodie von Friedrich Silcher (1789-1860). In den „Maiblumen“ waren es ursprünglich sechs Strophen à vier Zeilen. Um die Silchermelodie übernehmen zu können, mussten jeweils zwei dieser Strophen zusammengefasst werden. Das führte dazu, dass die identische erste und sechste Strophe nun einen Rahmen bilden als erste Hälfte der ersten Strophe und zweite Hälfte der dritten Strophe.

Diese Fassung ist zum Mitsingen gedacht:

Wann die Melodie und der Text zum ersten Mal zusammenkamen, lässt sich nicht mehr genau nachweisen. Jedenfalls gibt es ein Zeugnis von 1869, dass „So nimm denn meine Hände“ zur bekannten Melodie von Silcher gesungen worden sei. Friedrich Silcher, Komponist und Musikpädagoge und vor allem bekannt für seine Musiksätze zu deutschen Volksliedern für Männerchöre und Männergesangsvereine, schrieb seine Melodie zu einem Abendlied für Kinder von Agnes Franz (1794-1843): „Wie könnt ich ruhig schlafen in dunkler Nacht“. In älteren Gesangbüchern findet sich dieses Lied noch unter der Rubrik „Lieder für Kinder“ (Württembergisches Gesangbuch von 1912, Nr. 467). Der ursprünglich zweistimmige Satz in Terz- und Sextparallelen ist tatsächlich sehr volksliedhaft und wurde erstmals 1843 in „Zwölf Kinderlieder für Schule und Haus“ in Tübingen publiziert, in der Stadt, wo Silcher seit 1817 als erster Musikdirektor der Universität wirkte.

Spätestens 1880 ist das Lied in einem reformierten Gesangbuch für St. Petersburg zu finden und hat damit in Kirchen und Gottesdienste Einzug gehalten, zumindest in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch nicht nur in kirchlichen Liederbüchern ist das Lied zu finden. Es taucht auch in weltlichen Liedersammlungen auf, seien es nun „Volks- und Wanderlieder“ (Reutlingen 1927) oder im „Badischen Liederbuch für die Schule und Familie“ (1919), wo es als Lieblingslied der Großherzogin Luise von Baden bezeichnet wird. Die Anrede an ein unspezifisches „Du“ hat es auch möglich gemacht, dass das Lied in den Liederbüchern der „Deutschen Christen“ zur Zeit des Nationalsozialismus auftaucht. Dort wird aber die zweite Strophe weggelassen, denn „schwach“ und „arm“ durfte man damals nicht sein. Es ist sogar belegt, dass das Lied zum Schluss der zweiten Bestattung (in Deutschland, die erste war in Schweden) von Carin Göring (1888-1931), der ersten Ehefrau Hermann Görings gesungen wurde. Er ließ seine schwedische Frau in Carinhall, seiner Residenz in der Schorfheide/Brandenburg ein zweites Mal – unter Anwesenheit Adolf Hitlers – bestatten.

Von der Beliebtheit des Liedes auch in säkularen Bereich zeugt diese Aufnahme:

Vielleicht war die Beliebtheit des Liedes auch auf nationalsozialistischer Seite, dass es sowohl im Evangelischen Kirchengesangbuch (EKG) von 1950 (Stammausgabe für Deutschland) und im Reformierten Kirchengesangbuch für die Schweiz von 1952 (RKG) nicht zu finden ist. Beide Gesangbücher waren stark geprägt von der sogenannten Singbewegung. In den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts kam es als Ausdruck der Jugendbewegung auch zu einer Singbewegung, sowohl im weltlichen als auch im geistlichen Bereich. Während die weltliche Singbewegung das Volksliedgut wiederentdeckte und oft mit der Wandervogelbewegung in Verbindung stand, brachte die geistliche Singbewegung ein Revival des reformatorischen Liedgutes, des Genfer Psalters und von Komponisten wie Johann Walther, Melchior Vulpius oder Heinrich Schütz mit sich. Lieder aus dem 19. Jahrhundert hatten in diesen Gesangbüchern einen schweren Stand, darunter auch „So nimm denn meine Hände“. Nur in den Regionalteilen des EKG von Baden und Österreich war das Lied noch zu finden. Auch im methodistischen Gesangbuch von 1969, das ebenfalls die Tendenzen der Singbewegung aufnahm, fehlt es. Anders dann die nachfolgenden Gesangbücher. Sowohl im Stammteil des Evangelischen Gesangbuches (EG Nr. 376) als auch im Reformierten Gesangbuch (RG Nr. 695) ist das Lied wieder zu finden. Allerdings ist es immer wieder großer Kritik ausgesetzt. Warum?

Es ist vor allem der Text, der Anstoß erregt. Ein Punkt wurde schon genannt: Durch den Wegfall des Bibelzitates aus Mt 8,19/Lk 9,57 ist nicht klar erkennbar, an wen sich die Bitten richten. Das gezeichnete Gottesbild ist sehr diffus. Die vom Lied intendierte Nachfolge Jesu besteht im Geführt-werden. Auffällig sind in den Strophen 1 und 3 die Verben der Fortbewegung: führen, (nicht) gehen, stehen, mitnehmen. Allerdings geht es um eine Art passives Vorankommen. Es fehlt jegliche Eigeninitiative. Es ist ein passives Geführt-werden, ein Nicht-gehen-wollen, zumindest nicht alleine, sondern die Bitte um ein Mitgenommen-werden von Jesus. Die zweite Strophe vertieft diese Passivität. Das schwache Herz muss in Erbarmen gehüllt werden. Der Angesprochene soll das Herz still machen. Mit Selbstanrede „dein armes Kind“ begibt sich die singende Person gezielt in die Abhängigkeit und Schwäche: Das Kind soll ruhen können. Und schließlich – was am meisten Kritik hervorruft – die geschlossenen Augen des blinden Glaubens. Das ist das pure Gegenteil zur Ermächtigung eines eigenständigen Glaubens und widerspricht der biblischen Tradition, wo der Glaube dazu führt, dass einem die Augen geöffnet werden und man zur Erkenntnis kommt (z.B. bei den Jüngern von Emmaus, Lk 24,31).

In der zweiten Strophe findet sich das einzige weitere biblische Motiv nebst dem der Nachfolge. Im Kind, das zu den Füßen ruht, lässt sich Maria erkennen, die nach Lk 10,38-42 zu Jesu Füßen ruht und ihm zuhört. Doch das Bild will nicht recht passen. Denn die zuhörende Maria ist gerade alles andere als eine Frau, die ihre Augen schließt und blind glauben will. Die biblische Maria begibt sich zu den Füßen ihres Meisters in die Position der Schülerin, die bereit ist zu lernen. Im Lied aber geht es weniger um Hingabe und Nachfolge als mehr um Beruhigung und Ergebenheit, auch um den Preis, die Verantwortung für die eigene Lebensgestaltung völlig abzugeben.

Die Melodie an sich ist nach den Regeln der Kunst geschaffen, um Lieder „im Volkston“ zu treffen. Sie verzichtet auf große Sprünge und weite Räume. Ins Ohr stechen die fünfte und sechste Melodiezeile, d.h. der Beginn des Abgesangs nach der Wiederholung. Der Spitzenton wird erstmals dadurch erreicht, dass die Melodie mehrmals hintereinander ein „Seufzermotiv“ (Tonschritt einer fallenden Sekunde) nachzeichnet. Auch sonst ist die fallende Sekunde öfter im Lied zu finden. Der Grundton wird erstmals ganz zum Schluss der Melodie erreicht. Das meiste Tonmaterial, statistisch ausgewertet, bewegt sich im mittleren und oberen Bereich, was der Melodie einen schwebenden Charakter verleiht. Der Rhythmus verläuft bis auf den Schluss in jeder Zeile gleich.

Dennoch erfreut sich das Lied „So nimm denn meine Hände“ großer Beliebtheit, gerade bei Beerdigungen. Das ist seelsorgerlich soweit nachvollziehbar. Denn manche Trauersituation führt in eine Lähmung, wo der Text des Liedes das ausdrückt, was die Trauernden in diesem Moment empfinden und was sie in dieser Situation brauchen: Dass jemand für sie die Führung übernimmt und sie in dieser Situation begleitet. Die Aussage „Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht“ macht die Lähmung von jeglicher Eigeninitiative deutlich.

Auf diese Weise wirbt eine Sängerin mit dem Lied, damit sie für die musikalische Gestaltung eines Begräbnisses gebucht wird:

Warum das Lied allerdings bei Hochzeiten so beliebt ist, gibt Rätsel auf. Meist wird es so verstanden, dass die Braut den Bräutigam anspricht und ihn bittet: „So nimm den meine Hände und führe mich“. Welche Braut ist heutzutage noch bereit, auf diese Weise ihre Selbstbestimmtheit aufzugeben? Der Beginn der dritten Strophe wird bei einer Trauung schließlich völlig missverständlich: „Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht“. Dass in diesem Fall die Notwendigkeit besteht, den Text umzudichten, davon zeugt dieses Video eines Brautvaters für seine Tochter:

Im die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert soll das Lied bei einer Trauung jeweils dann erklungen sein, wenn die Brautleute einander die Hände reichten zum gemeinsamen Segen.

Diese Fassung ist sicher später entstanden und hat auch eine Abwandlung der Melodie erfahren:

Pastorin Esther Handschin