Ein Zwischenruf von Superintendent Stefan Schröckenfuchs
Nachzuhören in der ORF Radiothek

„Sag mir, woher du kommst, und ich sage dir, wie weit du es schaffst.“ Dieser Spruch hängt im Schaufenster eines Sozialunternehmens (1) in meiner Nachbarschaft. Ein Spruch, der leider viel zu wahr ist. Menschen, deren Migrationshintergrund aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Aussehens oder Namens sehr offensichtlich ist, erleben es häufig, dass sie in ihrer Schul- und Berufslaufbahn mehr Steine überwinden müssen als ihre „weißen“ Kolleg*innen. Oder um es anders zu sagen: wie viele „People of Color“ – also Menschen mit nicht weißer Hautfarbe – findet man in den Chefetagen der Unternehmen unseres Landes? 

Die Ungleichbehandlung von Menschen aufgrund von Aussehen, Herkunft oder Abstammung hat eine lange, traurige Tradition. Ein besonders grausamer Ausdruck davon war die Sklaverei. So wurden z.B. seit der Entdeckung Amerikas 1492 durch Christoph Columbus über 11 Millionen Menschen aus Afrika als Sklaven in die Europäischen Kolonien in Nord- und Südamerika verschleppt.

Im Jahr 1786 haben die amerikanischen Methodisten als erste Kirche in Amerika ein kirchliches Verbot erlassen, Sklaven zu halten. Bis die Sklaverei in den USA auch offiziell verboten wurde, sollte es allerdings noch fast 100 Jahre dauern; erst 1865 war es soweit. 

Heute ist die Sklaverei in allen Ländern der Welt offiziell verboten: Dänemark hatte sie als erstes Land schon 1792 abgeschafft, Mauretanien im Jahr 1980 als letztes weltweit.

Dennoch befinden sich bis heute Millionen Menschen in sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen. Daran erinnern die vereinten Nationen mit dem „Internationalen Tag der Erinnerung an Sklavenhandel und dessen Abschaffung“, der jedes Jahr am 23. August begangen wird. Und von der Zusage, die im Artikel 1 der Menschenrechte verbrieft ist, dass „alle Menschen (…) frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ sind und sie „…einander im Geist der Solidarität begegnen“ sollen, ist unsere Weltgemeinschaft ebenfalls weit entfernt. 

Insbesondere in den USA ist der Irrglaube an die sogenannte „White Supremacy“ sehr verbreitet. „White Supremacy“, das ist die Vorstellung, dass weiße Menschen anderen Menschen, insbesondere Schwarzen, überlegen wären und daher die Gesellschaft dominieren sollten. Mit dem Mord des Afroamerikaners George Floyd am 25. Mai durch weiße Polizisten im US Bundesstaat Minnesota ist wieder neu sichtbar geworden, welch tödliche Auswüchse die Seuche des Rassismus hervorbringen kann.

Entsprechend vehement sind die Proteste der betroffenen Bevölkerungsschichten. Bürgerrechtsbewegungen und Kirchen unterstützen auf breiter Basis den Ruf nach Reformen. Auch US-Methodisten beteiligen sich daran mit der breit angelegten Kampagne „End Racism“. Sie setzen dabei v.a. auf Bildungsmaßnahmen und arbeiten so an der Überwindung der „White Supremacy“.

Dass die Frage der Benachteiligung von „People of Color“ derzeit in Europa nicht im selben Maß Wellen schlägt wie es in den USA sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Übel namens „Rassismus“ auch in unseren Breitengraden weit verbreitet ist. Und es richtet großen Schaden an. 

Eine Facette davon ist jene, die im Schaufenster in meiner Nachbarschaft zu lesen ist: „Sag mir, woher du kommst, und ich sage dir, wie weit du es schaffst.“ Darunter ist jedoch auch zu lesen, was sich das Sozialunternehmen vorgenommen hat: „Wir ändern das.“ 

„Sag mir, woher du kommst, und ich sage dir, wie weit du es schaffst.“ Ändern wir das! 

von Stefan Schröckenfuchs

(1) Es handelt sich um das Sozialunternehmen Sindbad, Storchenplatz, 1150 Wien

Foto: Stefan Schröckenfuchs