Liedandacht von Esther Handschin zu
EM 64 Auf, Seele, Gott zu loben

Die christlichen Kirchen feiern seit einigen Jahren vom 1. September bis zum 4. Oktober die Schöpfungszeit. Der Impuls dazu kommt von orthodoxer Seite, wo mit dem 1. September das Kirchenjahr beginnt. Der damalige Patriarch von Konstantinopel, Dimitrios, hat 1989 die anderen Kirchen dazu eingeladen, ebenfalls einen Tag oder eine Zeit im Kirchenjahr der Schöpfung zu widmen. Die Kirchen machen in der Schöpfungszeit auf die Dringlichkeit der Bewahrung der Schöpfung aufmerksam. Diese Schöpfungszeit endet mit dem 4. Oktober, dem Gedenktag an den Heiligen Franz von Assisi, der eine besondere Beziehung zu den Tieren gepflegt hat.

Für mich gehört zur Schöpfungszeit wesentlich das Lob der Schöpfung dazu. Im Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche findet sich in der Rubrik „Gottes Schöpfung“ (Nr. 51-69) eine Reihe von Liedern zum Lob der Schöpfung und des Schöpfers. Viele dieser Lieder gehen auf Psalmtexte zurück. Die Psalmen lehren uns, Gott als den Schöpfer dieser Erde zu loben und auf die Vielfalt und Schönheit der Erde zu achten.

Ein großer Schöpfungspsalm ist Psalm 104 und diesem Psalm entlang ist das Lied „Auf, Seele, Gott zu loben“ nachgedichtet. Martha Müller-Zitzke (1899-1972), die durch die Chorarbeit des Christlichen Sängerbundes zu geistlichen Dichtungen angeregt wurde, fasste die Fülle dieses Psalms im Jahr 1947 in 7 Strophen. 

Hier eine Aufnahme mit guter Textverständlichkeit:

Der Psalm beginnt und endet mit der Selbstaufforderung zum Gotteslob. Dazwischen wird das ganze Werk der Schöpfung entfaltet, ähnlich wie wir es aus dem ersten Schöpfungsbericht aus 1. Mose 1 kennen. Im Hintergrund steht das zur biblischen Zeit aktuelle, altorientalische Weltbild von der Erde als einer Scheibe, über der sich das Himmelsgewölbe wie eine Käseglocke aufspannt (Str. 1). Die Erdscheibe selbst ist auf Pfeilern gegründet (Str. 2). Prägend in Str. 1 ist jedoch auch das Bild von Gott als dem Wolkenfahrer (vgl. auch Ps 68,5 und 18 und Ps 18,10+11). Die „Windfittiche“ sind eine direkte Anlehnung an Martin Luthers Übersetzung von Psalmvers 3b.

Die zweite Strophe greift die Psalmverse 8 und 10 auf. Nachdem in Str. 1 Gott und sein Himmelshaus beschrieben werden, geht es nun um die Erde und ihre Beschaffenheit. Berge, resp. Land und Meer müssen voneinander geschieden werden (vgl. 1. Mose 1,9-10), damit etwas darauf wachsen kann (Str. 3). Der zweite Teil der zweiten Strophe befasst sich mit vielen ü- und u-Lauten mit dem Wasser in seiner erfrischenden Qualität.

In Strophe drei wird die Erde zunehmend besiedelt, wie es im Psalm in den Versen 11 bis 13 beschrieben wird. Tiere, Vögel und Wildtiere treten auf, wobei Martha Müller-Zitzke die Vögel nicht nur einfach singen, sondern das Schöpferlob singen lässt. Die Früchte an den Bäumen leiten zur vierten Strophe über, wo es um die Nahrung für die Menschen geht, wie es in den Psalmversen 14 und 15 beschrieben wird. Über das Grundnahrungsmittel Brot hinaus stehen auch Öl und Wein zur Verfügung für die Schönheit (Öl) und die Freude (Wein). Gerade diese vierte Strophe lässt das Schöpfungslob auch zu einem Dank für die Ernte werden.

Die fünfte Strophe kehrt mit dem Wald und dem Berg wieder zur Naturbeschreibung zurück, wie es in Vers 16 und 18 der Psalm tut. Hinzu kommen die Himmelskörper aus Vers 19, deren Lauf in der antiken Welt mehr als heute zur Zeiteinteilung und Bestimmung von Festzeiten gedient hat. Wie Psalm 104,23 so beschreibt auch die sechste Strophe des Liedes die Aufgabe des Menschen, wobei im Lied Gott derjenige ist, der den Menschen in die Arbeit ruft. Gott wacht auch über das Meer und lässt uns in Güte zukommen, was wir aus seiner Hand empfangen (Vers 28).

Das Lied schließt mit der siebten Strophe zum Lob des Schöpfers, der nun erstmals direkt angesprochen wird. Das menschliche Lob soll erklingen, solang der Atem vorhanden ist (Vers 33, mit Anklang an Vers 29). Wen Gottes Gnade berührt, der kann von ganzem Herzen und befreit von der Sünde das Lob des Schöpfers singen (Vers 35). Die letzte Liedzeile dient wiederum wie am Anfang der Selbstaufforderung zum Lob Gottes.

Hier noch einmal das ganze Lied in der Aufnahme eines Profi-Chores:

Nebst der Sprachlust, die aus der Choraufnahme herauszuhören ist, trägt auch die Melodie zur Beliebtheit des Liedes und zur Sangesfreude bei. Sie stammt von Johann Steuerlein (1546-1613), einem mitteldeutschen Juristen, Dichter, Komponisten und Bürgermeister. Ursprünglich war die Melodie mit dem Text des Liebesliedes „Mit Lieb bin ich umfangen“ verbunden, das 1575 erstmals gedruckt vorlag.

Das Liebeslied scheint besonders bei österreichischen Chören beliebt zu sein. Hier der Chor der steirischen Landesbediensteten:

Wie manche weltliche Melodie aus dieser Zeit, wurde sie bald auch für einen geistlichen Text verwendet: „Mein Herz ein fein Lied dichtet“ von Gregor Sunnderreiter aus dem Jahr 1581. Dieses Verfahren, nämlich eine weltliche Melodie für einen geistlichen Text zu verwenden oder auch umgekehrt eine geistliche Melodie für einen weltlichen Text, nennt man „Kontrafaktur“, wobei die Textunterlegung einer geistlichen Melodie mit einem weltlichen Text auch „Parodie“ genannt wird. Das berühmteste Beispiel für eine Kontrafaktur ist Heinrich Isaacs (um 1450-1517) „Innsbruck, ich muss dich lassen“. Der Gedanke des Verlassens eines geliebten Ortes wird auf das Sterben bezogen mit dem geistlichen Text „O Welt, ich muss dich lassen“ (EM 653). Aus dem Abschiedslied ist ein Sterbelied geworden. Diese Melodie ist noch einmal, in rhythmisch veränderter Form, weitergewandert zum Abendlied „Nun ruhen alle Wälder“ (EM 633). Der Liedtext von Paul Gerhardt (1607-1676) vergleicht dabei fast in jeder Strophe das Schlafengehen und sich Niederlegen mit dem Sterben.

Zurück zu Johann Steuerleins Liebeslied: Die Melodie hat sich schon vor dem Psalmlied von Martha Müller-Zitzke mit einem geistlichen Text von Martin Behm (1557-1622), einem lutherischen Pfarrer und Schriftsteller, verbunden. Allerdings ist die Melodie von „Wie lieblich ist der Maien“ (Evangelisches Gesangbuch 501) in etwas vereinfachter Form notiert. Das Lied beschreibt das im Monat Mai sich entfaltende Leben in der Natur (Str. 1) und bittet um eine reiche Ernte, resp. um Bewahrung vor Schädlingen und Unwettern (Str. 2). Die Lust und Freude, die im Mai zu erleben ist, soll aber nicht von Gottes Wort ablenken (Str. 3). Schließlich möge die menschliche Arbeit genauso fruchtbar sein wie die Natur (Str. 4).

Hier die vereinfachte Melodie mit Behms Text zum Mitlesen:

Eine besondere Fassung, gesungen unter Corona-Bedingungen, ist von diesem Frauenensemble zu hören:

Die Melodie zu Martha Müller-Zitzkes Liedtext greift wieder auf die ursprüngliche Fassung des Liebesliebes zurück. Auch wenn die Melodie durch den Bogen an Achtelnoten zunächst anspruchsvoll erscheint, so lässt sie sich formal leicht merken. Der erste Teil wird wiederholt (Stollen) und erklingt zum Schluss noch einmal nach einem Zwischenteil. Diese klassische Form AABA nennt man auch „Reprisenbar“.

Die Melodie und der dazugehörende vierstimmige Satz scheint auch bei Posaunenchören beliebt zu sein:

Hier noch eine geistlich-weltlich gemischte Fassung der Melodie, die für das Jahr des Reformationsjubiläums aufgenommen wurde:

Als die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirche in Deutschland die Einführung von ökumenischen Gottesdiensten zur Schöpfungszeit plante, lud sie vorhergehend im Jahr 2009 zur einer Studientagung ein. Ich wurde gebeten ein Referat zum Schöpfungslob aus freikirchlicher Perspektive zu halten. Dazu untersuchte ich einige freikirchliche Liederbücher dahingehend, wie das Lob der Schöpfung darin zur Geltung kommt. Eines zeigte sich deutlich: Nur in den Liederbüchern, in denen Psalmlieder zu Schöpfungspsalmen enthalten waren, fanden sich auch andere Lieder, die dieses Thema aufgreifen und weiter entfalten bis zur Bewahrung der Schöpfung. Es scheint einen inneren Zusammenhang zu geben zwischen der Rückbindung an biblische Psalmen zum Lob der Schöpfung und der Bereitschaft, sich für die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. Das Lied „Auf, Seele, Gott zu loben“ ist ein schönes Beispiel, wie die Freude an der Schöpfung dazu motiviert, sich für deren Bewahrung einzusetzen.

Hier noch eine instrumentale Fassung, die diese Freude Gottes Schöpfung erklingen lässt:

Pastorin Esther Handschin

Pastorin Esther Handschin