Eine Predigt von Superintendent Stefan Schröckenfuchs, gehalten in der gleichnamigen Predigtreihe in der Lutherischen Pfarre Pauluskirche, Sonntag 6.3.21

Predigt Pauluskirche 

Kirche der Zukunft – Zukunft der Kirche 

aus der Perspektive einer kleineren Kirche 

Stefan Schröckenfuchs, am 5.3. 2021

Ich danke herzlich für die Einladung, im Rahmen der Predigtreihe „Kirche der Zukunft – Zukunft der Kirche“ zu euch sprechen zu dürfen. Und ich wurde gebeten dies aus der Perspektive einer – zumindest in Österreich – kleineren Kirche zu tun. 

Die Frage nach der Zukunft der Kirche bzw. der Kirche der Zukunft stellt sich ja in mehrfacher Hinsicht. 

  • Sie stellt sich grundsätzlich immer.
  • Sie stellt sich in unserer Zeit der stärker werdenden Säkularisierung und des Verlusts von Mitgliedern und Mitarbeiter*innen besonders 
  • und sie stellt sich ganz besonders jetzt in Zeiten der Coronapandemie, in der sich ja auch die Kommunikations- und Verhaltensmuster massiv und vermutlich nachhaltig ändern.   

Für meine Kirche, die EmK, kommt hinzu, dass wir in diesem Jahr unser 150 Jahr Jubiläum feiern. Ich hab für mich selbst aus diesem Anlass ein Gedankenexperiment gemacht, und mich gefragt: angenommen, es gibt auch in 15 Jahren ein lebendige, aktive und gesellschaftlich relevante EmK – was hat dazu geführt, dass sich die Dinge trotz aller Herausforderungen so entwickelt haben? 

Ich stelle mir vor: in 15 Jahren gibt es noch eine lebendige und relevante Methodistenkirche,

  1. weil es uns gelungen ist, uns auf unsere Kernaufgaben zu fokussieren
  2. weil es uns gelungen ist, verbindliche Gemeinschaften bilden
  3. und weil es uns gelungen ist, den Alltag und die Alltagsgewohnheiten der Menschen zu erreichen.

Einige Gedanken zu diesen Thesen

1) es ist uns gelungen, uns auf unsere Kernaufgaben fokussieren. Nun, was ist die Kernaufgabe von Kirche? 

Ich habe dazu als Predigttext die sehr kurze Passage aus Markus 1 gewählt.

»Die von Gott bestimmte Zeit ist da. Sein Reich kommt jetzt den Menschen nahe. Ändert euer Leben und glaubt dieser Guten Nachricht!« 

Im Markusevangelium sind dies die ersten Worte, die von Jesus überliefert werden. Und im Grunde ist dies die Zusammenfassung der Botschaft Jesu, bzw. sein Programm: 

Gott kommt uns Menschen nahe.
Weil er uns nahe kommt, ist ein Leben möglich, wie es seinem Willen 
und seinen lebensstiftenden Weisungen entspricht.
Zieht die Konsequenz daraus: ändert euer Leben, euer Verhalten.
Und schenkt dieser Guten Nachricht vertrauen. 

Interessant ist dann, dass Markus nicht weiter versucht, irgendwie theoretisch zu erklären, wie das funktioniert. 
Sondern Markus erzählt in Folge einfach, was Jesus macht: 
er sammelt eine Truppe von Schülern um sich.
Und die haben zunächst keine weitere Aufgabe als die, einfach mit ihm mitzugehen. Sie bilden eine Weggemeinschaft, deren Zentrum Jesus ist. 

In dieser Weggemeinschaft werden sie verändert – durch das, was sie mit Jesus erleben – und durch das, was sie von ihm lernen.  

Interessant ist auch, dass Markus zwar immer wieder berichtet, dass Jesus predigte. 
Aber er überliefert so gut wie nie, was Jesus predigte. 
Er erzählt nur, was Jesu predigten bewirken. 
Menschen werden frei. 
Menschen werden gesund.
Menschen, die ausgestoßen waren, werden wieder gesellschaftsfähig. Menschen, die böses getan haben, ändern ihr verhalten.

Darüber hinaus macht Jesus deutlich, dass Glaube nicht im äußeren Einhalten irgendwelcher Gesetze besteht. 
Sondern dass es um Beziehung geht. 
Beziehung zu Gott. Und Beziehung zum Mitmenschen. 
Es gibt kein größeres Gebot als das, Gott von ganzem Herzen zu lieben. Und den Nächsten wie sich selbst. 

Und nicht zuletzt berichtet Markus, wie sehr sich an diesem Jesus die Geister scheiden; und dass Jesus mit seinem Leben für sein Wort einsteht.

Wenn man also die Frage stellt, was die Kernaufgaben von Kirche sind, dann gehört dies gewiss ganz weit vorne dazu: 

Weg- und Lerngemeinschaft zu bilden – von Menschen, die mit einander unterwegs sind, um von Jesus zu lernen. 
Und die bereit sind, auf diesem Weg verändert zu werden. 

Diese Kernaufgabe findet sich übrigens nicht nur am Anfang des Markusevangelium, sondern auch am Ende des Matthäusevangelium, wo es heißt: 

„Geht nun hin zu allen Völkern
und ladet die Menschen ein,
meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.
Tauft sie im Namen
des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!
Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe!“

Manchmal wird dieser Text mit dem schrecklichen Titel „Missionsbefehl“ bedacht. Und im Laufe der Geschichte ist er auch immer wieder missbräuchlich gebraucht worden. 

Worum es aber geht, ist Menschen in solche Lern- und Weggemeinschaft einzuladen – damit auch sie von Jesus lernen und dadurch im Herzen verändert werden. 

Ich glaube, die Kirche der Zukunft muss eine Kirche sein, die in der Lage ist, solche Lern- und Weggemeinschaften zu bilden. 

Die Veränderungen der Kommunikationsgewohnheiten und Gemeinschaftsformen zwingen uns dazu, zu überlegen, wie wir das auch in der Post-Corona-Zeit schaffen können. 
Manche der neuen Gewohnheiten können dabei vielleicht sogar durchaus eine Chance sein: ich mache derzeit sehr spannende Erfahrungen mit regelmäßigen Kleingruppentreffen, die per Videokonferenz stattfinden – mit Menschen, mit denen ich mich sonst nicht wöchentlich treffen könnte. 

Dies führt zu den anderen Thesen, die ich etwas knapper fassen kann:

Solche Weg- und Lerngemeinschaften können nur ihre Kraft entfalten, wenn ihre Mitglieder verbindliche Gemeinschaften bilden, deren Glieder sich gegenseitig auf ihrem Weg fordern und fördern. 

Menschen, die keine Bindung eingehen wollen, können weder Halt finden, noch Halt geben. Und aus der Unverbindlichkeit wächst keine Veränderung der Herzen. 

Und: der Glaube wird den Alltag und die Alltagsgewohnheiten der Menschen erreichen müssen – nicht nur den Verstand, und auch nicht nur den Sonntag. 

So hat es auch Jesus gemacht. 
Er hat mit seinen Jünger eine dauerhafte Weggemeinschaft gebildet. 
Durch diese Weggemeinschaft haben sich die Jünger*innen verändert. 

Freilich hat es später noch das Pfingstwunder gebraucht, damit ihr neues Ich stärker wurde als ihre Angst. Aber ohne die Gemeinschaft davor hätte es kein Pfingsten gegeben. 

Die Frage ist nicht, wie wir die Leute am Sonntag in die Kirche bekommen. 
Sondern wie der Glaube, die Gottesbeziehung in den Alltag kommt.

Mein Fazit ist daher: es liegt nahe, dass die Kirche der Zukunft anders aussieht als heute.

Vielleicht wird sie eher in kleinen, dafür aber verbindlichen Lerngemeinschaften bestehen, als in großen Ortsgemeinden. 

Sie muss dadurch aber nicht an Wirkmächtigkeit verlieren, sondern kann vielleicht sogar an Anziehungskraft gewinnen. 

Und die Chance einer kleineren Kirche besteht womöglich darin, dass ein solcher Wandel leichter vollzogen werden kann als von einer viel größeren Organisation. 

Amen